Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Eine klassische Verleumdung

(Veröffentlicht in GralsWelt 42/2007)
Jeder hat schon von dem, vom Cäsaren-Wahn befallenen, Kaiser Nero (37 – 68) gehört, der seine eigene Hauptstadt in Brand setzen ließ, damit er sie danach schöner wieder aufbauen konnte. In sein Sängergewand gekleidet, habe er “vom höchsten Punkt des Palatins” aus das katastrophale Feuermeer besungen, mit einer selbstgedichteten Ode über den flammenden Untergang Trojas. Dieses Bild eines verrückten Kaisers hat sich durch Hollywood-Filme tief in das allgemeine Bewußtsein eingeprägt und gehört zum „Allgemeinwissen”.
Als dann, nach dem verheerenden Brand, in Rom Gerüchte den Kaiser als Brandstifter verdächtigten, wollte Nero das wütende Volk dadurch besänftigen, daß er eine kleine Gruppe verachteter Sektierer der Brandstiftung beschuldigte, und viele davon auf grausame Weise hinrichten ließ. Das war nach verbreiteter Meinung der Beginn vieler Christenverfolgungen, die doch den Verfall des Römischen Weltreiches und den Sieg des neuen Glaubens über die desolat gewordenen Götterkulte der Antike nicht aufhalten konnten.
WIE  KAM  ES  ZUM  “NERONISCHEN  FEUER” ?
“Kein ernstzunehmender Historiker unter den Klassikern und erst recht nicht unter den Modernen hat jemals behauptet, Nero habe Rom angezündet….Alle zeitgenössischen Schriftsteller und Historiker, selbst so kritisch eingestellte Autoren wie Cluvius Rufus, Flavius Josephus und Martial halten Nero für vollkommen unschuldig. Die Behauptung, Nero sei der eigentliche Brandstifter gewesen, wurde erst siebzig Jahre nach dem Brand durch Sueton aufgebracht…(2, S. 151).
“Noch auffälliger ist, daß die ersten christlichen Schriftsteller die Geschichte vom ‘Brandstifter Nero’ völlig übergingen, obwohl doch gerade sie eigentlich daran hätten interessiert sein müssen…” (2, S. 152).
Bei näherer Betrachtung spricht so gut wie alles gegen Nero als Brandstifter:
* Als das Feuer ausbrach war er nicht in Rom.
* Sein eigener Palast stand nahe dem Viertel, das als eines der ersten in Flammen stand, und wurde vollständig zerstört.
* Für die Römische Bevölkerung war der Kaiser der Schutzherr, eine Art göttlicher Beschützer der Hauptstadt, so daß der Brand ihm persönlich als Versagen oder Strafe der Götter angelastet werden konnte. Vielleicht war das der Ursprung der Legende von der Brandstiftung des Kaisers.
* Während des Brandes leitete Nero selbst die Löscharbeiten und Rettungsmaßnahmen und bemühte sich um Hilfe für die Obdachlosen.
DER  GROSSE  BRAND
In der Nacht vom 18. auf den 19. Juli des Jahres 64 brach nahe dem Circus Maximus und dem Palatin Feuer aus; in einem dicht bebauten Gebiet, voll von Häusern, Werkstätten, Warenlagern mit leicht brennbaren Gütern. Es war heiß und trocken und vielen Historikern scheint ein Unfall die wahrscheinlichste Brandursache.
Starke Winde fachten das Feuer an, fließendes Wasser fehlte, und die Feuerwehr mit Pumpen und Bottichen konnten die Ausweitung zum Flächenbrand nicht stoppen, der sechs Tage und Nächte wütete, bis mehr als die Hälfte der Stadt zerstört war.
Feuersbrünste in antiken (und mittelalterlichen) Städten waren keine seltenen Ausnahmen, und so gut wie jede wichtige antike Stadt ist im Laufe ihrer Geschichte mehrmals ganz oder teilweise abgebrannt.
Der Brand von Rom im Jahre 64 allerdings ist etwas Besonderes:
VORBOTE  DER  APOKALYPSE
Für viele Menschen der Antike, besonders auch die Christen, war Rom mehr als die Hauptstadt eines Großreiches: Es war das Zentrum des Despotismus und der Unterdrückung der Welt. Nach der Ansicht vieler Historiker kommt diese Überzeugung in der Johannes-Apokalypse zum Ausdruck, die wohl gegen Ende des ersten Jahrhunderts entstanden ist: Die “sieben Häupter des Drachen” (Off. 13,3) gelten als die “sieben Hügel” der Stadt Rom, der “Hure Babylon” (Offb.17,5), die im Feuer untergehen wird (Off. 17,16).
Ein verheerender Brand in diesem Mittelpunkt der Macht bedeutete für viele Menschen mehr als eines der zufällig ausgebrochen Feuer in einer beliebigen Stadt. Man kann einen Vergleich zum 11. September 2001 ziehen, an dem in der “Zweiten” und “Dritten Welt” der verbrecherische Anschlag bejubelt wurde, der die USA als unangefochten erste Macht schockierte .
Das Datum der römischen Katastrophe, der 19. Juli 64, gab zusätzliche Anreize zu okkulten Spekulationen:
* Am 19. Juli 390 v. Chr. sollen die Gallier das von ihnen eroberte Rom in Brand gesteckt haben.
* Auch ein sibyllinisches Orakel war im Umlauf , das den Untergang Roms, Italiens und der ganzen Welt im Feuer prophezeite.
* Der 19. Juli ist der ägyptische Neujahrstag, der Tag des Siriusfrühaufganges und der gleichzeitig erfolgenden Nilschwelle. In der auch in Rom verbreiteten ägyptischen Mystik markierte er “Anfang und Ende spekulativer Kalanderperioden von jeweils 1461 Jahren und wurde auch als Geburtstag der Welt gefeiert” (1, S. 17).
* Viele heidnische, jüdische, christliche Endzeit-Prophetien drohen mit Feuer, in dem z.B. Christus sich offenbaren wird.
* Evangelien datieren das endzeitliche Feuergericht in die Zeit nach der Getreideernte, also in den Hochsommer , und (häretische) Christen sahen im Hundsstern (Sirius) das eschatologische Symbol Christi (1, S. 29), dessen baldige Wiederkehr (an einem 19. Juli ?) von den urchristlichen Gemeinden erwartet wurde.
* Antike Überlieferungen lassen vermuten, daß “der Stern, der die Magier zum neugeborenen Erlöserkönig führt” der Sirius gewesen sein könnte, der auch in der persischen Mythologie wichtig ist. In den Evangelien fehlen Hinweise zum Geburtszeitpunkt Jesu, doch ein apokryphes Evangelium läßt vermuten, daß der Geburtstag von Jesus der 19. Juli sein könnte. Von der Kirche wurde Jesu Geburt erst ab dem 4. Jahrhundert auf den (zuvor dem Mithras geweihten) Tag der Wintersonnenwende gelegt (1, S. 31 f.).
* So scheint die Vermutung nicht völlig abwegig, daß fundamentalistische Fanatiker nachgeholfen haben könnten, um den sehnsüchtig erwarteten apkokalyptischen Weltbrand auszulösen.
WER  LEGTE  DAS  FEUER ?
Falls nicht Unachtsamkeit – für die Mehrzahl der Historiker die wahrscheinlichste Ursache – im Jahre 64 große Teile der Stadt Rom in Flammen versinken ließ, dann ist nach den möglichen Brandstiftern zu fahnden.
Es gab Gründe, Juden und Christen zu verdächtigen, denn “die Zerstörung Roms durch eine Feuersbrunst war tatsächlich ein jüdisch-christlicher Wunschtraum” (2, S. 165).
Juden und Christen wurden damals von den Römern oft verwechselt, doch gerieten die Juden nicht in den Verdacht der Brandstiftung. Allerdings schienen staatliche Stellen überzeugt, daß fanatische Christen, die in Rom lebten, das Feuer gelegt hatten. Und moderne Forscher (wie Baudy). Halten es für wahrscheinlich, daß dieser Vorwurf berechtigt war.
So kam es zu Prozessen gegen christliche Extremisten. Von etwa Dreitausend Mitgliedern der christlichen Gemeinden wurden Zweihundert bis Dreihundert Personen der Prozeß gemacht, und die schuldig befundenen meist lebend verbrannt; die damals übliche Strafe für Brandstifter (2, S. 166 f.).
Die angeblich wegen ihres Glaubens verfolgten Christen wurden also wegen einer gewöhnlichen Straftat verurteilt, und die “erste Christenverfolgung durch Nero” beschränkte sich auf die Hauptstadt. Außerhalb von Rom und in den Provinzen wurde kein Christ wegen seines Glaubens verfolgt. In Rom selbst blieb die Mehrzahl der Christen unbehelligt; und zwar nicht, weil sie untertauchen konnten oder geflohen wären. Selbst gegen Paulus, der sich im Jahre 64 in Rom aufhielt und als führender Kopf der christlichen Gemeinde den Behörden bekannt war, wurde nicht einmal Anklage erhoben. Allem Anschein nach geriet nur eine radikale Minderheit in Verdacht, die dann entschieden verfolgt wurde.
Auch wenn es weder zum Konzept der Kirchen noch dem der meisten Christen passen mag: Es ist keineswegs bewiesen, daß die frühen Christen immer so friedlich dachten und handelten, wie das heute gelehrt wird. Und was den “Brand von Rom” betrifft, so scheint eine Parallele zum Anschlag am 11. September 2001 in New York nicht abwegig: Auch der “neronische” Brand von Rom war vielleicht, wahrscheinlich sogar, das Werk fanatischer Fundamentalisten, die ein Fanal setzen wollten für den Sieg ihrer Religion.
LITERATUR:
(1) Baudy, Gerhard, J.: “Die Brände Roms”, Georg Holms, Hildesheim 1991
(2) Fini, Massimo: “Nero, Zweitausend Jahre Verleumdung”, Herbig, München 1993
(3) http://www.mgb-home.de/Christenverfolgung.html