Siegfried Hagl - Schriftsteller

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König Artus auf der Suche nach dem Heiligen Gral

Wahrheit und Legende

(Veröffentlicht in GralsWelt 79)

Über die historische Wirklichkeit eines König Artus ist wenig bekannt. Wo beginnt der Mythos? Und woher schöpft der Stoff, in Verbindung mit der Gralslegende, seine zeitlose Anziehungskraft, die uns noch heute nicht loslässt?

Die Wiederkehr der Helden

Fast jedes Volk schwärmt von einem sagenhaften Helden, der dereinst wiederkehren wird, um mit Hilfe höherer Kräfte das Chaos in seinem Land oder auch auf der ganzen Erde zu beenden. Im religiösen Bereich wären solche Heroen Krishna (Hinduismus), der Saoshyant (Zoroastrismus), der Maitreya-Buddha, der Messias (Judentum), Christus, der Imam-Mahdi (Islam), der Verborgene Zwölfte Imam (Schiiten) und weitere.

Im profanen Bereich erhofft man die Wiederkehr des Heldenkönigs Gesar (Zentralasien), das Auftauchen des verborgenen Königs der Welt aus seinem unterirdischen Königreich (Mongolei), das Erscheinen von Kaiser Karl oder Kaiser Barbarossa (Deutschland). Zu diesen sagenumwobenen Gestalten gehört auch der im angelsächsischen Bereich überaus populäre König Artus oder Artur.

Manche der Großen, deren Wiederkehr erwartet wird oder von religiösen Lehren verheißen ist, gehen auf bedeutende Persönlichkeiten zurück, die tatsächlich gelebt haben. So wohl auch Artus.

Die Vorgeschichte: Britannien wird römisch

Im ersten nachchristlichen Jahrhundert begann der römische Kaiser Claudius, der von 41 bis 54 nach Christus herrschte, mit der Eroberung von Britannien, an der Caesar hundert Jahre zuvor (55–54 vor Christus) gescheitert war. Doch die Truppen des Claudius hatten Erfolg; sie konnten den Süden des heutigen Englands unterwerfen. Für etwa drei Jahrhunderte folgte dann im Zuge der „pax romana“ eine friedliche Zeit. Britannien übernahm die römische Zivilisation und entwickelte sich.

Vom Ende des 4. Jahrhunderts an wurde das Römische Reich in zunehmendem Maße von barbarischen Stämmen bedrängt. Im Jahre 406 überschritten große Scharen germanischer Stämme, darunter Alanen, Burgunder, Sueben und Wandalen, den zugefrorenen Rhein und drangen in Gallien ein. Die in Britannien stationierten römischen Truppen wurden auf dem Kontinent gebraucht und zwischen 407 und 410 abgezogen. Im Jahre 410 plünderten die Westgoten (Wandalen) Rom.

Die längst christianisierte britische Bevölkerung musste den südlichen Teil ihrer Insel von nun an alleine verteidigen. Heidnische Sachsen, Angeln, Juten und Friesen nahmen den Südosten in Besitz, die Pikten stießen aus dem Norden vor. Diese Eindringlinge mordeten, plünderten, raubten und zerstörten erbarmungslos die britisch-römische Kultur und das frühe Christentum.

Nach dem Abzug der Römer fehlten disziplinierte Truppen und eine gemeinsame Führung. Doch bildeten sich kleinere Gruppen, örtliche Milizen, die ihre Siedlungsgebiete mit mehr oder weniger Erfolg verteidigen und den Südwesten, das heutige Cornwall, halten konnten. Schließlich trat doch noch ein siegreicher Anführer auf den Plan – die historische Vorlage für König Artus?

König Artus: Fakten und Spekulationen

In den wirren Zeiten nach dem Untergang der römischen Kultur brach auch die zwar bürokratische, doch gut funktionierende Verwaltung zusammen; viele Kirchen und Klöster wurden zerstört. Dementsprechend sind nur einzelne, lückenhafte Aufzeichnungen aus der Epoche zwischen dem 4. und dem 11. Jahrhundert erhalten. Die wenigen zeitnahen Berichte lassen vermuten, dass zu Beginn des 6. Jahrhunderts ein Anführer mit dem Namen Arturus in Britannien Siege errang. So konnte er mehr und mehr Truppen um sich versammeln und eine beachtliche Streitmacht kommandieren. Er kämpfe an vielen Orten und siegte der Sage nach in zwölf mythischen Schlachten. Vermutlich war er auch der Heerführer in der wichtigen Schlacht bei Mons Badonicus (Badon Hill, vielleicht das heutige Bath?)1. Hier erlitten um 510 – das genaue Jahr ist nicht bekannt – die Sachsen eine vernichtende Niederlage, die den Briten für einige Jahrzehnte Luft verschaffte. Ums Leben gekommen ist der erfolgreiche General Arturus dann wohl um das Jahre 539 in der historisch nicht gesicherten Schlacht von Camlann (oder Camlaun). Mit ihm starb auch die letzte Hoffnung der britannischen Kelten, sich gegen die Eroberer zu behaupten.

Viel mehr lässt sich, historisch gesehen, über den britannischen oder walisischen Krieger Artus nicht sagen. Für das einfache Volk wurde er zu einer Sagengestalt, von deren Taten fahrende Sänger und Erzähler auf Jahrmärkten, bei Kirchweihfesten und in der Nähe von Wallfahrtsorten berichteten.

Aber vielleicht lebte der „wahre König Artus“ schon anderthalb Jahrtausende früher? Als die Römer in Britannien eindrangen, trafen sie auf wilde Stämme, die in primitiven Dörfern inmitten dichter Wälder hausten. Straßen gab es keine, nur Trampelpfade von Dorf zu Dorf. Doch fanden sich zahlreiche Spuren einer untergegangenen Zivilisation: unter Humus begrabene Straßen, Tauteiche2, riesige aufrecht stehende Steine und beeindruckende Megalithbauten, voran Stonehenge. Und wie steht es mit den Religionen, Mythen und Sagen aus dieser längst verwehten Zeit? Gingen sie verloren? Oder lebten sie weiter im keltischen Sagenkreis und der Religion der Druiden? War Artus vielleicht ein vorkeltischer „Sonnenkönig“, umgeben von den 12 Rittern des Tierkreises und verheiratet mit Guinevere, der keltischen Version von Venus? (2, S. 476) Die beeindruckende Gestalt dieses sagenhaften Herrschers gibt eben Anlass genug zu allen möglichen und unmöglichen Spekulationen.

Eine ausgeschmückte Geschichte

Das Jahr 1066 brachte eines der wichtigsten Ereignisse der englischen Geschichte: der Normanne Wilhelm der Eroberer landete in England und nahm das Land in Besitz. Danach erwachte das Interesse an der Geschichte Englands. So schrieb Geoffrey von Monmouth (1100–1151) die Historia Regum Britanniae (Geschichte der Könige von Britannien). Monmouth verwendete ihm zugängliche historische Quellen, ging aber mit der Geschichte, das heißt mit der Wahrheit, sehr freizügig um. So ist bei ihm der Gründer des britischen Reiches ein Nachfahre des Aeneas, der nach dem Trojanischen Krieg die Insel Albion in Besitz nimmt. Ein großer Teil dieses umfangreichen Werkes ist Artus und seiner Zeit gewidmet. Dieser tritt hier als Feudalherrscher auf, seine Hofhaltung, seine Verwandtschaftsbeziehungen, seine Kriegstaten und schließlich seine todbringende Niederlage werden ganz im Stil des 12. Jahrhunderts beschrieben.

Die Faszination der Gralslegende

Mehr als jeder andere abendländische Mythos hat die Legende vom Gral die kraftvolle Magie bewahrt, die noch heute die Phantasie und den Geist beflügelt. Kein anderer Mythos ist so reich in seiner Symbolik, so mannigfaltig und oft widersprüchlich in seiner Bedeutung. Und in seinem Kern verbirgt sich ein Geheimnis, das die mystische Anziehungskraft des Grals über neun Jahrhunderte hinweg lebendig erhalten hat, während andere Mythen und Legenden längst verblasst und in Vergessenheit geraten sind. (Malcolm Godwin, „Der Heilige Gral“ (3, S. 6))

Monmouths Werk wurde ein Bestseller. Mit den historischen Fakten hat es nicht viel zu tun, doch als begnadeter Romancier konnte Monmouth mit epischen Fiktionen das Unterhaltungsbedürfnis seiner Leser bestens bedienen – wie auch andere es taten.

Der Stoff der Sänger und Ritterromane

Das Hochmittelalter war die große Zeit der Sänger und Troubadoure, die die höfische Gesellschaft mit Liedern und Versen unterhielten. Die höfischen Dichter schöpften aus den Märchen, Mythen, Sagen und Überlieferungen des Orients wie des Okzidents:

• Die griechisch-römischen Sagen waren in Europa mehr oder weniger bekannt, so weit die Römer vorgedrungen waren.

• Die germanischen Heldensagen kannte man besonders im Norden Europas. Doch die fahrenden Sänger reisten weit umher, von Italien bis Dänemark, von Frankreich bis Schottland, und nahmen neue Anregungen gerne auf.

• Orientalische Märchen, Mythen und Sagen kamen aus Spanien nach Mitteleuropa oder durch Kreuzfahrer aus dem Heiligen Land.

• Der keltische Sagenkreis aus Irland und Wales war vielschichtig. Er enthielt neben vielen anderen Geschichten, wie der von Tristan, vor allem zwei große, geheimnisvolle Legenden, deren Ursprung vermutlich weit zurückliegt: die Artus-Sage und den Mythos vom Heiligen Gral. Was vormals zwei getrennte Themenbereiche waren, wurde aber bald auch ineinander verwoben: König Artus auf der Suche nach dem Gral.

• Das meistgelesene Buch war die Bibel. Sie bot, neben großen Kündungen, in ihrem Alten Testament auch rätselhafte Wundergeschichten, die man guten Gewissens einem „Altjüdischen Sagenkreis“ zuordnen darf. Die christlichen Glaubenslehren gründen vor allem auf dem Neuen Testament mit seinen Wundern. Eine Verknüpfung der alten Sagen aus vorchristlicher Zeit mit christlichen Vorstellungen machte die mittelalterlichen Romane bunter, zeitgemäßer, für die Leser interessanter – und für die Kirche annehmbarer. Die Gralslegende als Beispiel ist wahrscheinlich vorchristlichen Ursprungs; eine Verquickung mit der christlichen Erlösungslehre bot sich aber geradezu an.

• Hinzu kamen weitere religiöse Überlieferungen, sogar ketzerische Ideen von Katharern und Templern sowie alchemistische, astrologische, magische Vorstellungen.

Auf solcher Basis entstanden zu Beginn des zweiten nachchristlichen Jahrtausends Dutzende von Ritterromanen, die Abenteuergeschichten des Mittelalters. Es war die große Zeit des Rittertums, die Epoche der Kreuzzüge, deren Höhepunkt die Eroberung Jerusalems bildete (1099). Schon im 12. Jahrhundert war die Heilige Stadt aber wieder in Gefahr, und 1187 wurde sie von Saladin zurückerobert.

Drei herausragende Arbeiten des Mittelalters berichten vom Heiligen Gral: Die nur fragmentarisch überlieferte „Geschichte des Heiligen Gral“ von Robert de Boron (um 1200); der „Perceval“ des Chrétian de Troyes (1140–1190), die erste Verbindung des Gralsmythos mit der Artus-Sage; und „Parzival“ von Wolfram von Eschenbach (1170–1220).

Die großen Ritterromane bieten eine Vielzahl von allen möglichen und unmöglichen Ereignissen in farbigen Bildern, die den Interessierten fesseln können. Die nicht immer leicht verständlichen Texte laden zu vielfältigen symbolischen oder esoterischen Deutungen geradezu ein. Nicht zuletzt, weil sie verbreitete „Archetypen“ bestens bedienen. Doch das allein erklärt noch nicht ihren Reiz …

Erinnerungen der Seele?

Seit Carl Gustav Jung (1875–1961) spricht man von einem „kollektiven Unbewussten“, das die ererbten Grunderfahrungen der Menschheitsgeschichte speichert. In diesem kollektiven Unbewussten sind dann auch die Urbilder der menschlichen Vorstellungsmuster, die „Archetypen“, angesiedelt. Man kann darin religiöse oder profane Urerfahrungen der Menschheit sehen.

Eine Erzählung, ein Schauspiel, eine Oper oder ein Film erreicht das Publikum besonders gut, wenn sehr alte Erfahrungen angesprochen werden, die sich in der Menschheitsgeschichte laufend wiederholt haben.

Nimmt man noch das Wissen von den mehrmaligen Erdenleben hinzu, so darf man davon ausgehen, dass so gut wie jeder Mensch in zurückliegenden Inkarnationen Glück und Unglück, Recht und Unrecht, Treue und Verrat, Weisen und Scharlatanen, Wahrheitsbringern und Dunkelmännern begegnet ist. Solche Erlebnisse aus früheren Leben haben sich oft tief in die Seele eingeprägt. Sie schlummern, dem Menschen meist unbewusst, in seinem Inneren, das manche Psychologen „Unterbewusstsein“ nennen, wenngleich sie von früheren Erdenleben mit deren vielfältigen Erfahrungen nichts wissen wollen. Ein erneutes Erleben ähnlicher Art, wie es zum Beispiel ein Kunstwerk vermitteln kann, vermag solche Eindrücke aus vergangenen Erdenleben wachzurufen. Dabei kann das tiefste Empfinden des Menschen angesprochen und seine damalige Suche nach dem Wahren, Edlen berührt und erneut angeregt werden.

Sehnsüchte und Lebensfragen

Warum fanden die Geschichten um den sagenhaft verklärten König Artus mit seinen Rittern der Tafelrunde, die ausgesandt wurden, den geheimnisvollen Gral zu suchen, so großen Anklang? Diese Erzählungen vermitteln märchenhafte Bilder, sie spielen in einer mystischen Zauberwelt zwischen Diesseits und Jenseits, die sich rationalen Betrachtungen entzieht. Die Dichter beschreiben überhöhte Bilder von Heldentum, Ritterschaft, Königtum und Frauenwürde. Doch die idealisierten Figuren sind nicht vollkommen. Sie machen Fehler, unterliegen schädlichen Einflüssen, versündigen sich und müssen – typisch menschlich – nicht selten an ihrem eigenen Fehlverhalten scheitern. Damit rücken sie uns menschlich näher.

Auch werden sehr alte religiöse Erfahrungen angesprochen: die uralte Sehnsucht nach Erlösung von den Übeln und nach einer besseren Welt. Also Wunschvorstellungen, die in der Seele jedes Menschen – meist unbewusst – verankert sind.

Die vielfältigen Andeutungen, Beschreibungen und Mysterien der Gralserzählungen schreien geradezu nach symbolischen Deutungen. Im Gemüt des Lesenden werden fast zwangsläufig Fragen angeregt nach der tieferen Bedeutung und dem transzendenten Hintergrund der Handlungen, sogar nach dem Sinn des Lebens. Antworten auf diese Lebensfragen wussten die Dichter nicht. Der Leser wird mit seiner Lektüre allein gelassen und muss selbst nach dem tieferen Sinn suchen.

Die von verschiedensten Seiten – von Alchemie, Astrologie, Historik, Mythologie oder Psychologie – angebotenen esoterischen, mystischen, symbolischen, wissenschaftlichen Deutungen und Erklärungen zu den Gralsromanen und der Bedeutung des Heiligen Grals füllen Bibliotheken. Doch nach wie vor tauchen neue Fragen in dieser Hinsicht auf. Antworten auf grundlegende Fragen, die bei der Lektüre der Gralsromane aufscheinen, sind in dem Werk „Im Lichte der Wahrheit“ von Abd-ru-shin zu finden, das mit dem Untertitel „Gralsbotschaft“ explizit Bezug nimmt auf eine höhere Wirklichkeit hinter dem Mythos.

Anmerkungen:

1 Der christliche Chronist Gildas schrieb im 6. Jahrhundert in seinem Werk „Der Untergang Britanniens“, daß der britisch-römische Anführer Ambrosius Aurelianus der Sieger in der Schlacht von Mons Badonicus war. Dagegen nannte der Walliser Nennius, der die Chronik Gildas kannte, im frühen 9. Jahrhundert in seiner „Historia Brittonum“einen Arturus als Anführer. War Arturus mit Ambrosius identisch?

2 Tauteiche sind flache Mulden, mit Stroh isoliert und mit Lehm abgedichtet. Tau (Kondenswasser) sammelt sich hier über das ganze Jahr.

Literatur:

(1) Baumstark, Reinhold/Koch, Michael, Der Gral, Bayrisches Nationalmuseum, München 1995

(2) Black, Jonathan, Die geheime Geschichte der Welt, Goldmann, München 2008

(3) Godwin, Malcolm, Der Heilige Gral, Bechtermünz, Augsburg 1996

(4) Kircher, Bertram, Das Buch vom Gral, Wilhelm Heyne, München 1989

(5) Lampo, Hubert/Koster, Pieter Paul, Artus und der Gral, Fourier, Wiesbaden 1993

(6) Matthews, John, Gral-Tarot, Südwest Verlag, München 2007

(7) Obleser, Horst, Parzival auf der Suche nach dem Gral, Adolf Bonz, Leinfelden-Echterdingen 1997

(8) Ossendowski, Ferdinand, Tiere Menschen und Götter, Frankfurter Societätsdruckerei, Frankfurt 1924

www …

König Artus:

http://de.wikipedia.org/wiki/Artus

Der heilige Gral:

http://de.wikipedia.org/wiki/Heiliger_Gral

Die Tafelrunde:

http://de.wikipedia.org/wiki/Tafelrunde