Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Die Sklaverei endete, der Rassismus blieb

(Veröffentlicht in GralsWelt 74/2013)

Zum 1. Januar 2013: Vor 150 Jahren verfügte US-Präsident Abraham Lincoln (1809–1865) die Abschaffung der Sklaverei – zum 1. Januar 1863. Doch Rassismus gab es in den USA weiterhin, bis hinein in unsere Zeit. Ein Blick auf die Hintergründe verdeutlicht, wie es zum verlustreichsten Krieg in der Geschichte Amerikas kam und welche Rolle die Ausbeutung schwarzer Menschen dabei spielte.

„Alle Personen sollen von nun ab frei sein“

Kraft meiner Vollmacht erkläre ich hiermit, dass alle in den Staaten als Sklaven gehaltenen Personen von nun ab frei sein sollen und auch bleiben, und dass die ausübende Regierungsgewalt in den Vereinigten Staaten einschließlich der militärischen Befehlsstellen zu Land und zur See die Freiheit der genannten Personen anerkennen und aufrechterhalten. Und ferner gebe ich bekannt, dass solche Personen zum Waffendienst in den Vereinigten Staaten zugelassen werden, sofern sie dafür geeignet sind …“

Abraham Lincoln

Aus der Proklamation vom 22. September 1862 (7. S. 247)

Eine geniale Erfindung – und der Bedarf an Sklaven

Im Herbst 1792 reiste ein junger Akademiker namens Eli Whitney (1765–1825) aus dem Norden der USA in den Süden, um dort eine Stelle als Lehrer anzutreten. Es dauerte nicht lange, bis er von dem großen, ungelösten Problem der Baumwollfarmer erfuhr: um 1 Kilo Rohbaumwolle von den Samenkörnern zu trennen, musste ein Sklave einen ganzen Tag arbeiten. Eli Whitney, schon von Kind an als Bastler und Eigenbrötler aufgefallen, konstruierte eine überraschend einfache Lösung: eine Bauwollentkernungsmaschine (genannt „Cotton Gin“; „gin“ für engine). Diese Egreniermaschine (Entkernungsmaschine) revolutionierte die Baumwollproduktion. New Orleans wurde zum Zentrum des Baumwollexportes, besonders nach England, wo die Textilindustrie immer bedeutender wurde.

Etwa zur gleichen Zeit führte ein energischer Unternehmer in New Orleans die Herstellung von Kristallzucker aus Zuckerrohrsirup ein. Ab 1811 fuhren dann Dampfboote auf dem Mississippi; der Zucker konnte schnell und preiswert nach St. Louis und weiter transportiert werden. Die Landwirtschaft des Südens weitete sich aus, und der zunehmende Anbau von Baumwolle, Tabak und Zuckerrohr verlangte für immer größere Anbauflächen immer mehr Arbeiter, sprich: Sklaven.

Der erste Schritt zur Massenfertigung

Eli Whitney, der mit seiner Entkernungsmaschine entscheidend zur Revolutionierung der Baumwollproduktion des Südens beigetragen hatte, kam um seinen Erfinderlohn: seine „Cotton Gin“ war nämlich so einfach, dass das Patent seines Erfinders leicht zu umgehen war. So ging er – frustriert – zurück in den Norden, wo er eine weitere wirtschaftliche Revolution einleitete, die noch weitreichender war: Er entwickelte in einer von ihm errichteten Waffenfabrik das Prinzip der Produktion mit austauschbaren Teilen. Seine neue Erfindung war also die Serienproduktion. Damit begann auch die Arbeitsteilung in getrennte Arbeitsvorgänge. Dieses „Whitney-System“, zu dessen Vorteilen gehörte, dass auch ungelernte Arbeiter in den Produktionsprozess eingebunden werden konnten, wurde in Europa als „amerikanisches System“ bekannt. Es war der erste, wichtige Schritt zur Massenfertigung. Der Norden übernahm bereitwillig dieses System; denn Facharbeiter waren rar. In den Staaten des Nordens boomte danach der Bau von Fabriken, Straßen, Brücken, Kanälen, Eisenbahnen. Die nördlichen Staaten boten Entwicklungsmöglichkeiten für Einwanderer.

Die Südstaaten lebten von der Landwirtschaft mit billiger Sklavenarbeit. So beeinflusste ein und der selbe geniale Erfinder die Ökonomien im Norden wie im Süden. Die beiden Regionen entwickelten sich gegenläufig: Sklaverei im Süden – „freie“, fortschrittliche Staaten im Norden.

Der unter Präsident Thomas Jefferson (1743–1826), selbst ein Sklavenhalter, verabschiedete „Missouri Kompromiss“ von 1820/21 bekräftigte die Abschaffung der Sklaverei in 14 nördlichen Staaten. In 13 südlichen Staaten blieb sie erlaubt, da jeder Staat darüber selbst entscheiden konnte. Die Trennungslinie sollte bei 36°30’ Nord verlaufen.

Die Vereinigten Staaten drängen nach Westen

Durch die Vertreibung der Indianer konnten sich die nordamerikanischen Staaten um Oregon erweitern, Texas wurde 1845 annektiert. Dann kam es von 1846 bis1848 zum Krieg der USA gegen das 1821 unabhängig gewordene Mexiko. Der mittelamerikanische Staat verlor etwa die Hälfte seines Territoriums, während sich die Vereinigten Staaten um Arizona, Kalifornien, Neu Mexiko und weitere Territorien vergrößerten und endlich den Pazifik erreichten.

Aus dem Norden der USA strömten Siedler in die neu erschlossenen Landstriche; der Süden wollte seine von Sklaven bewirtschafteten Baumwollfelder in die eroberten Gebiete ausdehnen. Als diese beiden Strömungen in Kansas und Nebraska aufeinander trafen, kam es zu Spannungen. Die einwandernden unabhängigen Farmer, ebenso wie die weißen Arbeiter in den nördlichen Staaten, fürchteten die Konkurrenz der billigen Sklavenarbeiter. Die „Missouri-Kompromiss-Linie“ war nicht mehr zu halten. Die Forderungen nach der Abschaffung der – in Europa längst verbotenen – Sklaverei wurden lauter. Eine als „Abolitionismus“ bekannte Bewegung gegen die Sklavenhaltung gewann im Norden breite Unterstützung. Sie brachte die südlichen Staaten in Bedrängnis. Das Vermögen der Südstaatler bestand vor allem aus Land und besonders aus Sklaven, ohne deren billige Arbeitsleistung die Ländereien nicht viel einbrachten.

Sklaven wurden schlechter behandelt als Maultiere

In den Staaten des Nordens lebten um 1860 etwa 21 Millionen Menschen, darunter ein Prozent Schwarze. Im Süden waren es 9 Millionen, davon 4 Millionen schwarze Sklaven. Letztere waren – im Einklang mit der dortigen Rechtsprechung – rechtlos. Sie konnten verkauft und dabei Familien auseinander gerissen werden. Nicht selten wurden Sklaven schlechter behandelt als Pferde oder Maultiere. Ihre Quartiere bestanden aus primitiven Hütten mit Lehmboden. Sklaven wurden oft unzureichend ernährt, hatten kaum ärztliche Betreuung, viele starben an Infektionskrankheiten. Nur etwa vier Prozent erreichten ein Alter von 60 Jahren.

Kein Wunder, dass viele Sklaven versuchten, in einen der „freien Staaten“ zu fliehen. Wieder eingefangene, flüchtige Sklaven wurden grausam bestraft. Die Südstaaten verlangten von den Nordstaaten die Auslieferung der Flüchtigen. Besonders empört waren die Sklavenhalter über die verschiedenen Fluchthilfeorganisationen, die manchmal vor Gewalt nicht zurückschreckten. Die befreiten Schwarzen wurden in „freie Staaten“ oder – wenn die Rechtsprechung unsicher war – bis nach Kanada gebracht.

Heftige Propagandakriege tobten – für und gegen die Sklaverei. Ein Roman spielte dabei ebenfalls eine große Rolle: „Onkel Toms Hütte“ von Harriet Beecher Stowe (1811–1896), ein in viele Sprachen übersetzter Bestseller, der 1851/52 zuerst als Fortsetzungsgeschichte erschien. Dieser Roman mit historischem Hintergrund wurde zur wichtigen Kampfschrift der „Abolitionisten“, der Gegner der Sklaverei. Als ihm Beecher Stowe vorgestellt wurde, soll Abraham Lincoln gesagt haben: „Sie sind also die kleine Frau, die diesen großen Krieg verursacht hat“. (10)

Im Jahre 1860 wurde Abraham Lincoln (1809–1865), ein (gemäßigter) Gegner der Sklaverei, zum Präsidenten gewählt; die Spannungen eskalierten. Die Südstaaten entschieden sich für eine Trennung (Sezession) von der Union und wählten Jefferson Davis (1808–1889) zum Präsidenten der „Konföderierten Staaten von Amerika“. Die Nation war tief gespalten, bis in die Familien hinein. Die Gattin des Präsidenten Lincoln, als Beispiel, hatte drei Brüder, die im Sezessionskrieg auf der Seite des Südens kämpften und alle ums Leben kamen.

Lincoln wollte einen Krieg vermeiden und akzeptierte sogar das Recht auf Sklavenhaltung in den Staaten, in denen sie bereits existierte. Doch er war entschlossen, die Einheit der Union zu bewahren.

Nun fehlte nur noch der fatale „erste Schuss“. Dieser fiel am 12. April 1861 bei der Belagerung des von Truppen der Nordstaaten besetzten Forts Sumter bei Charleston durch Truppen der Konföderierten.

Der Sezessionskrieg: Schrecklich viele Tote!

In Europa zu wenig beachtet, begann in Nordamerika der erste moderne Krieg mit schrecklich vielen Toten und Verwundeten. Beide Seiten hatten kaum Offiziere mit Kriegserfahrung, und die Soldaten waren meist nur notdürftig ausgebildet. Dafür warfen sie sich mit unfassbarer Loyalität und unglaublicher Opferbereitschaft ins Feuer. Die Verluste waren dementsprechend. Es gab Schlachten, bei denen 30 Prozent der Beteiligten fielen oder verwundet wurden; eine selbst für moderne Kriege unerhörte Verlustrate. Im Ersten Weltkrieg war eine Ausfallrate von 10 Prozent bereits ein Massaker gewesen!

Vieles ereignete sich im Sezessionskrieg zum ersten Mal, und manches hätte als warnendes Exempel für die bevorstehenden modernen Kriege dienen können:

• Einsatz des Telegraphen

• Verwendung der Eisenbahn

• Erstes Seegefecht zwischen gepanzerten Dampfschiffen[i]

• Ein U-Boot versenkt ein Schiff

• Schützengraben-Krieg

• Verwendung von Chloroform im Lazarett

• Die ersten anerkannten Kriegsdienstverweigerer: Der kleinen, pazifistischen Freikirche der Shaker erließ Lincoln die Teilnahme am Krieg

• Die erste Ermordung eines Präsidenten der Vereinigten Staaten

Trotz der Überlegenheit der Union (Norden) begann der Krieg mit überraschenden Erfolgen der Konföderierten (Süden). Diese hatten die besseren Offiziere und die bei weitem besten Generale, allen voran Robert E. Lee (1807–1870) und Thomas Jonathan (Stonewall) Jackson (1824–1863). Es machte sich bezahlt, dass reiche Plantagenbesitzer des Südens ihre Söhne mit Vorliebe auf die Militärakademie West Point sandten, deren Chef Oberst Robert E. Lee war.

Im Süden kämpften auch solche Konföderierten, die keine Sklavenhalter waren, mit großer Hingabe für den Erhalt ihrer Heimat und ihrer speziellen Lebensweise, während im Norden nach den Niederlagen der Unions-Armee der Widerstand gegen den Krieg wuchs.

Das Ende der Sklaverei brachte die Wende

Als Präsident Lincoln 1862 die Abschaffung der Sklaverei – zum 1. Januar 1863 – verfügte, war der blutige Bürgerkrieg bis dahin für die Nordstaaten nicht gut gelaufen, trotz ihrer numerischen und wirtschaftlichen Überlegenheit. Es war also höchste Zeit, durch eine idealistische Zielsetzung dem „Kampf für die Einheit der Union“ neue Impulse zu geben und eine Unterstützung der Südstaaten durch europäische Mächte zu verhindern. Die Marine der Nordstaaten blockierte die Häfen des Südens. Dadurch waren europäische Textilfabriken von der Versorgung mit Baumwolle aus den Südstaaten abgeschnitten. Bei einer durchaus möglichen Einmischung von England oder Frankreich hätte der Süden den Krieg gewinnen können.

Tatsächlich brachte die Aufhebung der Sklaverei die Wende im Sezessionskrieg. Es wurden nun schwarze Regimenter aufgestellt, die sich zum Teil aus entlaufenen Sklaven rekrutierten. Diese Truppen waren höchst motiviert und entschieden mutiger als es ihnen die Sklavenhalter zutrauten. Das nun idealistische Kriegsziel der Sklavenbefreiung machte es europäischen Staaten unmöglich, sich auf die Seite der Südstaaten, der Sklavenhalter, zu schlagen. Wo immer die Truppen der „Yankees“, der Nordstaaten, in den Süden eindrangen, entflohen die Sklaven in Massen; die Wirtschaft der Südstaaten musste zusammenbrechen.

Anfang Juli 1863 erlitten beide Seiten große Verluste in der äußerst blutigen, vorentscheidenden Schlacht bei Gettysburg, dem „Stalingrad“ des Südens. Danach war eigentlich klar, dass der unter einer Seeblockade leidende Süden mit seiner geringeren Bevölkerung und weit bescheideneren Hilfsmitteln, trotz der Genialität seiner Generale, in einer Serie von Abnützungsschlachten unterliegen musste. Die erdrückende Übermacht der Armee des Norden hatte den Krieg nur deswegen nicht längst entschieden, weil sie von George B. Mc Clellan (1826–1885), einem hervorragenden Organisator, nur sehr zögerlich geführt wurde. Die Oberbefehlshaber wechselten mehrmals, bis Ulysses S. Grant (1822–1885) im Herbst 1863 das Oberkommando übernahm. Nun wirkten sich die numerische Überlegenheit, das modernere Kriegsmaterial und die bessere Versorgung der Unionstruppen immer deutlicher aus. Doch der Krieg schleppte sich noch viele leidensvolle Monate dahin. Der Süden hoffte auf die Wahlen im Norden, die anstelle des republikanischen Lincoln einen Demokraten ins Amt bringen konnten, der den Krieg beenden würde. Das wäre gleichbedeutend gewesen mit einen Sieg des Südens!

Das Ende des verlustreichen „Bruderkrieges“

Am 9. April 1865 musste Robert E. Lee bei Appomatox kapitulieren. Der verlustreichste aller Kriege auf amerikanischem Boden war zu Ende. Mit insgesamt über einer Million Toten und Verwundeten[ii] hatte er mehr Menschenopfer gefordert als jeder anderer Krieg, den die USA jemals geführt hatte – die beiden Weltkriege eingeschlossen. So gut wie jede Familie hatte Verluste zu beklagen.

War dieser Bruderkrieg, für viele Amerikaner eines der wichtigsten Ereignisse ihrer Geschichte, nötig, unvermeidlich oder „alternativlos“? Darüber streiten Historiker bis heute. Manche meinen, man hätte die Südstaaten ruhig ziehen lassen sollen. Nach etlichen Jahren wären sie schmollend zur Union zurückgekehrt und hätten von sich aus auf die längst nicht mehr zeitgemäße Sklavenhaltung verzichtet. Aber wer weiß schon …

Die meisten Schlachten hatten auf dem Territorium der Südstaaten stattgefunden. Der Süden war wirtschaftlich zerstört; die Psyche der Menschen hatte gelitten, es herrschte Anarchie. Viele konnten sich mit der Niederlage nicht abfinden.

Der Aufbau des zerstörten und zerrissenen Landes, die „Rekonstruktion“, war schwierig. Nicht zuletzt, weil der auf Ausgleich bedachte, gerade wiedergewählte Abraham Lincoln am 15. April 1865 – nach gewonnenem Krieg – ermordet wurde. Als Staatsmann wurde er dadurch unsterblich und sein Nachruhm unantastbar.

Verbrannte Erde

Bei der Eroberung des Südens zeigte sich eine schreckliche Zerstörungswut der Truppen der Union. Schon bei seinem Marsch auf Vicksburg, das am 4. Juli 1863 kapitulierte, ließ General Ulysses S. Grant alles zerstören, was für den Süden von Nutzen sein konnte. Das Ziel war, die Moral und die Widerstandskraft der Bevölkerung zu brechen. Im Oktober 1863 wird der erfolgreiche Grant zum Oberbefehlshaber ernannt.

Als dann nach der Schlacht von Gettysburg (2.–5. Juli 1863) und der Kapitulation des strategisch wichtigen Vicksburg der Krieg schon so gut wie entschieden schien, entlud sich der aufgestaute Hass noch in einer Orgie der Verwüstung beim berüchtigten „Marsch zum Meer“ des Generals William Tecumseh Sherman (1820–1891). Seine Armee zerstörte Atlanta im September 1864 und zog weiter nach Savannah. Im Februar 1865 ging es durch South- und North-Carolina:

„Sherman hatte die ganz präzise Order: ‚kill and destroy‘ („Töte und zerstöre“), die Parole des jungen Washington im Unabhängigkeitskrieg. Sie war wörtlich gemeint, und der ‚tüchtigste Feldherr der Union‘ nahm sie auch wörtlich.

Er begann einen mörderischen Verwüstungszug durch die unschuldigen Städte und Dörfer, der später unter dem Namen ‚Anakonda‘ eine erbärmliche Berühmtheit erlangte. Wo die Heeresschlange erschien, ließ sie in einer Breite von hundert Kilometern alles in Schutt und Asche zurück. Es wurde vernichtet, was man fand. Häuser, Fabriken, Maschinen, Farmen, Tiere, Pflanzungen, Getreide, Baumwolle, Zuckerrohr, Straßen und Brücken. Wenn die Anakonda, die Riesenschlange, abgezogen war, brannte das Land, und die Viehherden verfaulten auf den Weiden. Zum ersten Mal in der modernen Geschichte praktizierte Amerika den totalen Vernichtungswillen. […]

Sherman berichtet in seinen Memoiren: ‚Ehe wir South Carolina verließen, hatten sich meine Soldaten schon derart daran gewöhnt, alles auf der Marschroute zu zerstören, dass das Haus, in dem sich mein Hauptquartier befand, oft schon brannte, ehe ich es verlassen hatte.‘ Und sein unterstellter General Sheridan meldete nach Washington: ‚Ich habe zweitausend Scheunen voll Getreide und siebzig Mühlen verbrennen und dreitausend Schafe abschlachten können. In einem Gebiet von fünf Meilen ließ ich sämtliche Häuser niederbrennen.‘“ (2, S. 169)

Der weite Weg zur Gleichberechtigung

Andrew Johnson (1808–1875), der Nachfolger im Präsidentenamt, hatte bei weitem nicht das Ansehen Lincolns. Johnson stammte aus Tennessee, einem der Südstaaten. Er war kein strikter Gegner der Sklaverei. So tat er sich schwer mit den freigelassenen Sklaven. Wer von diesen sich auf den Weg nach Norden machte, konnte vielleicht einen Job in der Industrie finden, sonst landete er in Slums. Im Süden waren die Plantagen zum großen Teil zerstört, die einst reichen Farmer verarmt. Arbeitsplätze für die ehemaligen Sklaven waren rar. Hunger ging um, Epidemien griffen um sich.

Die Sklaven waren befreit und erhielten sogar das Wahlrecht, doch gleichberechtigt waren sie noch lange nicht. Die wenigsten Weißen – im Norden nicht viel anders als im Süden – wollten sie als gleichberechtigte Bürger anerkennen. Es wurde „Unverschämtheit“ genannt, wenn die befreiten Sklaven die Autorität der Weißen nicht mehr als selbstverständlich respektierten.

General Grant, als Sieger im Sezessionskrieg der populärste Amerikaner der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, trat mit der Parole „Lasst uns Frieden haben“ im März 1869 das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten an. Er wollte den ehemaligen Sklaven volle Bürgerrechte zubilligen. Doch war in den Südstaaten die volle Gleichberechtigung der befreiten Sklaven ohne einen regelrechten Rassenkrieg nicht durchzusetzen; Grant musste nachgeben.

Im Kampf gegen die Rechte der Schwarzen, aber auch gegen „Carpetbagger“ (Taschenfüller) – Gelichter aus dem Norden, das sich an Hilfsgeldern schamlos bereicherte –, tat sich der im Dezember 1865 gegründete, rassistische Ku-Klux-Klan hervor. Er wurde bald verboten, existierte aber im Untergrund weiter und soll heute 7.000 Mitglieder haben (11). Bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts – in Einzelfällen noch länger – gab es immer wieder Massaker an Schwarzen und Lynchjustiz. Diese illegale Volksgewalt richtete sich vor allem gegen schwarze Gewerkschaftler und Populisten, die an der Rassenpolitik des Südens rütteln wollten (5, S. 117).

Die Ausbildung der einstigen Sklaven war meist bescheiden; niemand hatte sie gelehrt, selbständig zu denken und zu arbeiten. Nach wie vor wurden sie unterdrückt. Sie sollten weiterhin für die ehemaligen Sklavenhalter billig arbeiten. Gesetze einzelner Staaten, die sogenannten „black codes“, konnten die Rechte der Schwarzen nach wie vor einschränken. Volle Gleichberechtigung errangen die Farbigen erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Hoffentlich markiert die Wahl Barack Obamas zum „Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika“ im Jahr 2008 das endgültige Ende des in den USA noch lange latenten Rassismus!

Die Wiedereingliederung der südlichen Staaten in die Union brauchte Zeit. Es dauerte bis weit in die 1870er Jahre hinein, ehe sich aus dem Nachkriegschaos – zeitweise stand das Land unter Militärverwaltung – wieder annehmbare Verhältnisse entwickelten.

Durch den Krieg hatten sich die Vereinigten Staaten insgesamt gewandelt. Die Macht des Bundes gegenüber den Einzelstaaten wurde gestärkt. Zum Beispiel durch eine erweiterte Zuständigkeit der Bundesgerichte. Die USA entwickelten sich zu einem zentral geführten, industriell geprägten Bundesstaat, in dem die Führungsrolle dem Norden beziehungsweise dem Ostküstenestablishment, zufiel. Die unnötigen Kriegsgräuel (siehe „Verbrannte Erde“) haben die Südstaatler der Union lange nicht verziehen.

Literatur:

(1) Cooke Alistair, Geschichte Amerikas, Pawlak, Herrsching 1975

(2) Fernau Joachim, Halleluja, Herbig, München 1977

(3) Flato Charles, The Golden Book of the Civil War, Golden Books, New York 1961

(4) Gonick Larry, The Cartoon History of the United Staates, Harper Collins, New York 1991

(5) Hochgeschwender Michael; Der amerikanische Bürgerkrieg, C. H. Beck, München 2010

(6) Sautter Udo, Der amerikanische Bürgerkrieg, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2009

(7) Zierer Otto, Neue Weltgeschichte Bd. III, Fackelverlag, Stuttgart o. J.

www …

Eli Whitney

http://de.wikipedia.org/wiki/Eli_Whitney

Fort Sumter

http://de.wikipedia.org/wiki/Fort_Sumter

Harriet Beecher Stowe

http://de.wikipedia.org/wiki/Harriet_Beecher_Stowe

Ku-Klux-Klan

http://de.wikipedia.org/wiki/Ku-Klux-Klan

Sezessionskrieg

http://de.wikipedia.org/wiki/Sezessionskrieg

Sklaverei in den USA

http://de.wikipedia.org/wiki/Sklaverei_in_den_Vereinigten_Staaten

William T. Sherman

http://de.wikipedia.org/wiki/William_T._Sherman


[i] Die ersten gepanzerten Schiffe überhaupt, noch gerudert oder gesegelt, wurden im 16. Jahrhundert in Korea gebaut (vgl. Gralswelt 9/1998, Seite 67).

[ii] Die Schätzungen schwanken zwischen 400.000 und 1,1 Millionen Toten und entsprechend vielen Verwundeten. Die meisten Historiker gehen von 640.000 Toten aus, manche halten aber 900.000 für realistischer (5, S. 7)