Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Die dunkle Seite der Aufklärung Teil 2

Die geheime Verschwörung

(veröffentlicht in GralsWelt 67/2011)

Das Barockzeitalter war das Zeitalter des Absolutismus, was bedeutet: Alle Regierungsgewalt lag ausschließlich in den Händen des Herrschers. Auf ihn war alles konzentriert, von ihm ging alles aus. Wer politischen Einfluss ausüben wollte, musste das Vertrauen des Herrschenden gewinnen und diesen dann geschickt beeinflussen. Das leuchtende Vorbild für diese totale Alleinherrschaft bot der französische König Ludwig XIV. (1638-1715). Bekannt ist sein Ausspruch: „Der Staat bin ich“.

Diese egozentrische Herrschaftsform wurde von vielen kleineren und kleinsten Fürsten und Herren (in Deutschland gab es vor der französischen Revolution weit über Eintausend selbständige Herrschaften) nachgeahmt, die genauso souverän in einem Prunkschloss regieren wollten, wie der angehimmelte, mächtige König von Frankreich in Versailles.

Aus der Politik ausgeschlossen

Damit hatten so gut wie alle gesellschaftlichen Gruppen, alle Eliten, ob hoch oder niedrig, ob arm oder reich, ob verdienstvoll oder unfähig, keinerlei Einfluss auf politische Entscheidungen. Selbst der Hochadel durfte nur als Staffage am Hofe dienen. Nur die persönlichen Berater des Königs, die sein Vertrauen genossen, konnten auf dessen Entscheidungen einwirken. Es waren meist speichelleckerische Hofschranzen. Sie beherrschten die höfischen Sitten, wussten geschickt Intrigen zu spinnen und die Schwächen des Monarchen für ihre Zwecke zu nutzen. Solche fragwürdigen Berater hatten vor allem ihre persönliche Karriere und das Wohlergehen ihrer Familie im Blick.

Die Politik war Geheimpolitik, deren Qualität von der Einsicht des Herrschers und seiner Berater abhing. Die Untertanen hatten ihren Mund zu halten und den Willen des Souveräns treu zu erfüllen. Diese Gesellschaftsform war instabil und korrupt, sie führte zu vielen Kriegen:

„Der Höhepunkt der absolutistischen Macht ist gleichzeitig die Geburtskonstellation einer neuen Elite. So sehr diese auch aus verschiedenen Gruppen bestand, hat sie dennoch ein gemeinsames Merkmal: Alle sind der politischen Entscheidungsfreiheit beraubt, weil der absolutistische Staat allein in der Person des Fürsten repräsentiert ist. Diese politische Herausforderung wird zum verbindenden Element der neuen Elite. In den bestehenden Einrichtungen des absolutistischen Staates fanden etliche Gruppen keinen hinreichenden Platz: so unter anderem der Adel, der zwar sozial anerkannt war, aber ohne politischen Einfluss; die Bank- und Kaufleute, die zwar wirtschaftliche Macht hatten, aber sozial als homini novi (Neureiche) abgestempelt wurden; die Wissenschaftler, vorweg die Philosophen, die zwar sozial ohne rechten Ort, aber von höchster intellektuell-kultureller Bedeutung waren. Aus diesen äußerst heterogenen Gruppen formierte sich eine neue Schicht“ (4, S. 118 f.).

Das Schattenreich ist das Paradies der Phantasten. Hier finden sie ein unbegrenztes Land, wo sie sich nach Belieben anbauen können. Hypochondrische Dünste, Ammenmärchen und Klosterwunder lassen es ihnen an Bauzeug nicht ermangeln.

Immanuel Kant

Philosophische Diskussionsrunden

Kaufleute, Bankiers, Adelige trafen sich an unpolitischen Orten wie an der Börse, in Kaffeehäusern, Bibliotheken oder in den Akademien, wo die neuen Wissenschaften diskutiert wurden. Vermögende Bürger und Adelige gründeten Klubs, Salons, literarische oder philosophische Zirkel, in denen Wissenschaftler, Philosophen, Literaten, Künstler mit neuen Ideen willkommen waren. Damit war auch der Boden für Geheimgesellschaften vorbereitet. Denn nicht alle modernen, aufklärerischen Ideen konnte man immer und überall öffentlich diskutieren. Zu viele Spitzel waren unterwegs, jederzeit bereit, „Staatsfeinde“ zu denunzieren. Rechtssicherheit war Mangelware. In Frankreich als Beispiel konnte der König einen unliebsamen Zeitgenossen durch einen „lettre de cachet“ auf unbestimmte Zeit in die Bastille verbannen. Aus zunächst rein gesellschaftlichen Treffen wurden Institutionen, die ihre Vorstellungen nur hinter vorgehaltener Hand diskutieren durften und ihre Ziele im Geheimen planen mussten.

Esoterik und Wissenschaft

Im naturwissenschaftlichen Weltbild ist das Primäre die Materie (Materialismus). Was wir als Emotion, Empfindung, Seele, Geist bezeichnen gilt als Gehirnfunktion, wäre also ein Produkt der Materie.

Für religiöse Menschen, großenteils auch für Vertreter der sogenannten „geheimen Wissenschaften“, oder Esoteriker, steht das Geistige über der Materie. Das Geistige existierte vor der materiellen Welt und wirkte und wirkt an deren Entwicklung mit. Die feineren Regungen des Menschen, seine inneren Antriebe, sind Ausdruck seines nicht-materiellen Wesenskernes, seines Geistes.

Geheimgesellschaften

Anfang des 18. Jahrhunderts entstanden in ganz Europa Logen, in denen das Neue, die Philosophie der Aufklärung und die Neue Wissenschaft (Naturwissenschaft) diskutiert wurden. Doch dabei blieb es nicht. Die geheimen Gesellschaften verknüpfen religiöse und politische Elemente, umgaben sich mit einem Schleier mystischer und okkulter Geheimnisse, dem „Arcanum“ (Arcanum (lat.) = das Geheimnis). Im Geheimnis der Logen kann man einem Gegenpol sehen zu den Mysterien der Kirche oder der Geheimdiplomatie der Staaten. Dieser Schleier des Geheimnisvollen diente auch als Tarnung. Aufgeklärte Persönlichkeiten wie Fichte, Friedrich der Große, Goethe, Herder, Lessing (die alle Freimaurer waren) haben sich kaum vom abergläubischen Okkultismus vereinnahmen lassen. Doch manche, weniger Begabte, verfielen in Mystizismus, Schwärmerei und Aberglauben. Oder sie ließen sich von Hochstaplern blenden, die sich als „große Eingeweihte in die Geheimwissenschaften“ präsentierten.

Es ist hier nicht möglich, auf die vielen, verschiedenen, geheimnisumwitterten Gruppierungen im Detail einzugehen. Doch die wichtigsten müssen wir wenigstens dem Namen nach erwähnen.

Die geheimen Wissenschaften

In der esoterischen Literatur findet man Hinweise auf Geheimgesellschaften, deren Geheimwissen nur auf einem Einweihungsweg weiter gegeben wird. In Mysterienschulen konnte der Einzuweihende angeblich das Weiterleben nach dem Erdentod (durch Ausleibigkeit?) bewusst erleben. Er durfte sich auf das vorbereiten, was ihm nach dem irdischen Ableben begegnet; die Tatsache mehrerer Erdenleben war ihm danach vertraut.

Schriftliche Aufzeichnungen seien verboten und auf Geheimnisverrat stünde die Todesstrafe. Damit wäre der bekannte esoterische Spruch erklärt: „Wer redet weiß nicht – wer weiß redet nicht“.

Vor kurzem ist ein nicht leicht lesbares Buch erschienen, in dem die von den geheimen Gesellschaften tradierte, sehr komplizierte, manchmal verworrene, mystische „geheime Geschichte der Welt“ so weit offen gelegt wird, wie das durch Mythenforschung und Quellenstudium möglich scheint (3). Viele, angeblich Jahrtausende alte, zum Teil wohl missverstandene, phantasievolle Überlieferungen ganz verschiedener Kulturen auf unterschiedlichen Kontinenten werden interpretiert und mit einander in Beziehung gebracht. So entsteht ein vielschichtiges, teilweise konfuses und manchmal widersprüchliches Bild der geistigen Entwicklung der Menschheit und ihres esoterischen Wissens.

Diese angeblich sehr alten okkulten Weisheiten sollen von Sumerern, Babyloniern und Ägyptern stammen. Auch in der Bibel sind Spuren davon zu entdecken. Nach dem Sieg des Christentums und dem Verbot der antiken Kulte, wurde die Überlieferungslinie demnach im Untergrund weitergeführt. Heute ist dieses esoterische Wissen durch schwer deutbare Mythen überfrachtet, in denen Diesseitiges und Jenseitiges in einander über gehen. Allem Anschein nach haben sich auch etliche, kaum aufklärbare Irrtümer eingeschlichen.

Viele bedeutende Persönlichkeiten der Geschichte waren angeblich in dieses „anti-wissenschaftliche“ Weltverständnis eingeweiht, das auch Grundlagen der Religionen liefert. Gelegentlich sollen diese Eingeweihten ihr Wissen in verschleierten, symbolischen Darstellung ausgedrückt haben, die für Außenstehende unverständlich sind.

Vor Jahrhunderten wurde noch manches von diesem Okkultismus – heute gerne als Spiritualität bezeichnet – in den Kirchen gepflegt. Die bis heute praktizierten, alten Rituale weisen darauf hin. Dann wurde die sogenannte Spiritualität als Aberglaube aus den Kirchen verbannt; sie konnte sich nur teilweise im Volksglauben erhalten. Heute sind den wenigsten Gläubigen Herkunft und ursprüngliche Bedeutung der rituellen Handlungen bewusst.

Rosenkreuzer

Ein – vermutlich fiktiver – Christian Rosenkreutz (1378-1484)[i] reiste durch viele Länder und errang große Weisheit. Nach Deutschland zurückgekehrt, muss er erkennen, dass die Welt für die von ihm gewünschten Reformen noch nicht reif ist. Er schrieb aber sein Wissen in mehreren Büchern nieder:
Im Jahr 1614 erschien ein Büchlein mit dem Titel „Allgemeine und Generalreformation der ganzen, weiten Welt“. Es gilt als die Übersetzung des Buches „Ragguagli di Parnasso“ des italienischen Satirikers Trajano Boccalini (1556-1613), enthält aber zusätzlich ein Manifest: „Fama Fraternitatis oder Entdeckung der Bruderschaft des löblichen Ordens des RosenCreutzes“. Dieses erste Manifest machte großen Eindruck und Viele wollten mehr von der geheimnisvollen Bruderschaft erfahren.

Wie in der „Fama Fraternitatis“ versprochen, erschien 1615 ein zweites Büchlein „Confessio Fraternitatis oder Bekenntnis der löblichen Bruderschaft des hochgeehrten Rosen Creutzers an die Gelehrten Europas geschrieben“. Die „Confessio Fraternitatis“ war eine Enttäuschung. Außer Angriffen gegen den Papst, Mohammed und die Philosophie, oder der Aufforderung, die Weisheit einzelner Meister vergangener Jahrhunderte besser zu nützen, hatte sie nicht viel zu bieten.

Schließlich erschien im Jahre 1623 die „Chymische Hochzeit Christian Rosencreutz. Anno Domini 1459“. Während der oder die Verfasser von „Fama Fraternitatis“ und „Confessio Fraternitatis“ unsicher sind, darf man die „Chymische Hochzeit“ dem lutherischen Pfarrer Johann Valentin Andreae (1587-1654) zuschreiben, den einige Forscher auch als den Autor von „Fama“ und „Confessio“ ausmachen. Andreae war ein glänzender Gelehrter, dem man mit guten Gründen die Gründung der Rosenkreuzer zutrauen kann (8, S. 349 f.). Was er mit seiner Chymischen Hochzeit bezweckte ist umstritten. Die Vermutungen reichen von einer Weiterführung der Reformation Luthers bis zu einem Ulk, der sich über die verbreiteten okkulten Vorstellungen lustig macht.

Vor allem die „Chymische Hochzeit“ bediente die Sehnsucht vieler Menschen nach dem Wunderbaren. Die genannten drei rosenkreuzerischen Schriften wurden zum Anstoß für die Gründung von Logen, bzw. deren Vorstufen im 17. und 18. Jahrhundert.

Verschiedene diskrete Gesellschaften pflegen bis heute die rosenkreuzerischen Taditionen (10).

Freimaurer

Die Freimauerei wurde vermutlich von Rosenkreuzern im Jahre 1645 in England gegründet (8, S. 354), doch gilt heute meist der 24. Juni 1717 (Johannistag) als der Gründungstag der spekulativen Maurerei. Zu Anfang des 18.Jahrhunderts entstanden überall in Europa Logen der Freimaurer. Diese waren weder kirchlich noch staatlich beeinflusst, sondern stellten eine der neuen, bürgerlichen Gesellschaft eigentümlich Organisationsform dar. Lessing, selbst Freimaurer und nach seinem Eintritt von der Harmlosigkeit seiner Loge enttäuscht (4, S. 137), sagt dazu: „Ihrem Wesen nach ist die Freimaurerei ebenso alt als die bürgerliche Gesellschaft. Beide konnten nicht anders als miteinander entstehen – wenn nicht gar die bürgerliche Gesellschaft nur ein Sprössling der Freimaurerei ist“ (4, S. 119).

Wir können hier nicht auf die Logenarbeit, die mystisch-religiösen Geheimlehren der Freimaurer eingehen[ii]. Das angebliche Ziel der Freimaurer ist, den rohen Menschen, den „unbehauenen Stein“, zu polieren und die Maurerbrüder in die Regionen des Lichtes zu erheben.

Ideengeber der amerikanischen Revolution
Freimauer als Anhänger der Philosophie der Aufklärung waren Ideengeber der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung. An der „Boston Tea Party“, dem Startschuss für die Revolution, waren Freimauer ebenso beteiligt wie an der Grundsteinlegung des Weißen Hauses. Auch die Dollarnote (die heutige Ausführung stammt aus dem Jahr 1932) trägt Freimauersymbole, was zu vielen Spekulationen Anlass gibt. Dazu das „Freimaurer-Lexikon“:

„In der ‚Green Dragon-Taverne’ in Boston, die vielfach als Hauptquartier des Befreiungskampfes bezeichnet worden ist, hatte die St. Andrews Lodge ihre Wirkungsstätte. Ihre Mitglieder trugen wesentlich zur Boston Tea Party (am 16. Dezember 1773) bei, die den Startschuss zur amerikanischen Befreiung gab. Von den vielen Freimaurern, deren Namen im amerikanischen Befreiungskrieg hellen Klang erhielten, seinen genannt:

George Washington, James Otis (der als erster vor Gericht die Menschenrechte verkündete), Samuel Adams, Alexander Hamilton (der den Grundriss der Vereinigten Staaten entwarf), Patrik Henry (der ‚Redner der Revolution’), Richter John Marshall, die Generale Nathaniel Greene, Lee, Marion, Sullivan, Lord Stirling, Putnam, Baron Steuben, de Kalb, Lafayette, Montgomery, Jackson, Gist, Knox, Wooster, Ethan Allen…“ (6, S. 611)

Für uns ist bedeutsam, dass Freimaurer Träger der Ideen der Aufklärung waren. Die Philosophie der Aufklärung wurde richtungweisend für die Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts. Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung – die Mehrzahl der Unterzeichner waren Freimaurer – ist ein Dokument des Denkens der Aufklärung. Ebenso die Schlagworte „Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit“ und die „Menschenrechtsdeklaration“ der französischen Revolution.

Da lag es nahe, den Freimaurern ein von langer Hand geplantes Komplott zum Sturz der französischen Monarchie anzudichten (2). Die Gerüchteküche kochte. Verschwörungstheorien, die den Freimaurern die Abschaffung des Christentums oder das Streben nach Weltherrschaft unterstellen, haben bis heute Konjunktur.

Die katholische Kirche und viele katholischen Fürsten sahen in den Freimaurern ihre Todfeinde. Diese wollten ja die Monarchien und die Kirche abschaffen. Später machte man die Freimaurer für die Gräuel der französischen Revolution verantwortlich.

Im protestantischen Deutschland gab es die Furcht vor einer Verschwörung der Jesuiten mit dem Ziel einer Rekatholisierung. Die Jesuiten standen sogar in Verdacht, sie würden die Logen unterwandern und ihren Zielen dienstbar machen. Evangelische Fürsten traten in Logen ein und errangen wichtige Positionen. So konnten sie die Logenarbeit kontrollieren und eventuellen Umsturzversuchen entgegenwirken.

Moderne Verschwörungstheorien über die Freimaurer sind insofern nicht ganz unberechtigt als es, z. B. in Italien, „abweichende Freimaurerlogen (Masoneria derivata)“ gibt oder gab, „die mit den normalen Freimaurerlogen wenig zu tun haben….Sie sind das zentrale Bindeglied zwischen Mafia und der bürgerlichen Gesellschaft. Berühmt-berüchtigt war die Loge P2, deren Existenz in den 80er Jahren bekannt wurde. In ihr waren Politiker, Bankiers, Rechtsextremisten, Unternehmer und Geheimdienste vereint. Eng verbunden war diese Loge mit der sizilianischen Mafia“ (7, S. 32). Das prominenteste Mitglied der inzwischen aufgelösten Geheimloge P2 (Propaganda Due) war angeblich Silvio Berlusconi (9).

Illuminaten

Die Ziele dieses Geheimbundes waren von außen gesehen denen der Freimaurer ähnlich. Viele Illuminaten waren auch Freimaurer und dürften die selben, von der Aufklärung geprägten Vorstellungen, vertreten haben. Manche Autoren sehen allerdings Freimaurer und Illuminaten als Gegenpole: Die Freimaurer waren demnach mehr idealistisch-ethisch-spirituell gesinnt und strebten nach der Veredelung des Menschen. Die Illuminaten dagegen waren Materialisten, die eine nihilistische Philosophie vertraten. Als sie in Bayern verfolgt wurden, mussten etliche fliehen. Bis heute wird unterstellt, dass sie dann die Freimaurer-Logen unterwanderten und ihre zerstörerischen Anliegen in diese einbrachten. So wird behauptet, „das Programm, das 1789 von der französischen Nationalversammlung in die Tat umgesetzt wurde, sei von den deutschen Illuminaten aufgestellt worden“ (3, S. 580 f.). Tatsächlich waren Danton, Desmoulins, Guillotin, Marat, Mirabeau und andere Führer der Revolution Freimaurer, aber nicht unbedingt auch Illuminaten.

In der GralsWelt 2/2009 Seite 36 „Eine Wurzel für Verschwörungstheorien“ haben wir den Illuminaten einen eigenen Beitrag gewidmet.

Freidenker und Okkultisten

Im Grundsätzlichen waren sich die verschiedenen Geheimgesellschaften ähnlich. Nicht selten gehörten ihre Mitglieder gleichzeitig mehreren geheimen Organisationen an.

Im Vordergrund stand die Philosophie der Aufklärung. Hinzu kamen mystisch-religiöse Ideen, wie sie z. B. in rosenkreuzerischen Schriften zum Ausdruck kommen.

Dieses okkulte Gedankengut der Geheimgesellschaften war von verschiedenen, oft gnostischen Vorstellungen beeinflusst (vgl. Kasten). Vieles davon ist heute noch in der Esoterik zu finden.

In der Regel waren die geheimen Zirkel nicht konfessionsgebunden (damals für Kleriker ein Sakrileg). Typisch für die Aufklärung ist, dass Philosophen und Literaten an den Fundamenten der Kirchen rüttelten und traditionelle Dogmen in Frage stellten. Viele Logenmitglieder, besonders die intellektuell führenden, wie z. B. Goethe, waren eher Freigeister oder Agnostiker als gläubige Christen. Ein für die Kirchen unerträglicher Zustand; denn aus deren Sicht konnte nur ein gläubiger Christ ein „anständiger Mensch“ sein.

Wie kam es zum Abdriften ins Okkulte?

War Newton ein Eingeweihter?

Die Welt ist komplizierter als wir gemeinhin denken, und mancher berühmte Wissenschaftler gilt als heimlicher Esoteriker. Daher sollten wir Barockmenschen, die an das Arkanum glaubten, nicht voreilig als unsinnige Schwärmer abtun. Vielleicht muss man ein Phantast sein, um umwälzendes Neues zu entdecken. Dazu ein Beispiel neben vielen:

Zur Feier des dreihundertsten Geburtstages von Sir Isaac Newton (1643-1727), einem der bedeutendsten Wissenschaftler aller Zeiten, sagte der bekannte Staatswissenschaftler und Nationalökonom John Maynard Keynes (1883-1946) bei einer Festansprache:

„Er war der letzte Magier, der letzte Babylonier und Sumerer, der letzte große Verstand, der auf die sichtbare und geistige Welt mit den gleichen Augen blickte, wie jene, die vor etwas weniger als 10.000 Jahren unser geistiges Erbe aufzubauen begannen“.

Newton hinterließ eine Kiste voller handschriftlicher Aufzeichnungen. Vieles davon über Alchemie und Theologie – teilweise in einer Geheimschrift abgefasst – und angeblich für die „Bruderschaft von Eingeweihten“ bestimmt (1, S. 265 f. und GralsWelt 13/1999, Seite 7, „Newtons Koffer“).

Esoterische Meister

Damals wie heute ist vielen Menschen die klare aber kalte Wissenschaft nicht genug; die in jedem Menschen vorhandene religiöse Sehnsucht verlangt nach Befriedigung.

Bei der Wundergläubigkeit vieler Barockmenschen ist es kaum überraschend, dass die eine oder andere Loge sich Alchemie, Astrologie, Nekromantie, Spiritismus, Wahrsagerei usw. widmete. Dabei darf man nicht übersehen, dass damals die Naturwissenschaften noch am Anfang ihrer Entwicklung standen. Wissenschaft und Aberglaube gingen nicht selten in einander über. So bestand zwischen Astronomie und Astrologie noch kein großer Unterschied (Kopernikus, Kepler und Newton waren Astronomen und Astrologen), Chemie und Alchemie waren ziemlich identisch, und die Medizin hatte sich noch kaum vom Mittelalter emanzipieren können. Den verbreiteten, von der katholischen Kirche eifrig gestützten Wunderglauben konnten sich angebliche Meister der Arcana (von Arcanum = das Geheimnis) zu nutze machen. Ihre Anhänger glaubten, dass auch heutige Menschen zu ähnlichen Wundern befähigt wären, wie sie in der Bibel geschildert sind. Wer Rosenkreuzer, Freimaurer, Illuminat wird, bekommt auf diesen Wegen angeblich Zugang zu einem Geheimwissen, mit dem „Wunder“ zu wirken sind. Vergleichbare Vorstellungen von okkulten Meistern – im Diesseits oder im Jenseits – und deren wunderbaren Möglichkeiten lassen sich noch heute in der Esoterik-Szene entdecken.

Die großen Eingeweihten der Barockzeit wie Casanova, Cagliostro, oder der Graf von Saint-Germain, die einst Schlagzeilen machten, werden heute als Hochstapler, Betrüger, Schwindler abgetan. Wir werden uns mit diesen noch beschäftigen. Über weitere umstrittene Persönlichkeiten dieser Zeit, wie Franz Anton Mesmer (GralsWelt 15/2000 Seite 17 „Mesmers magischer Magnetismus“) und Karl Freiherr von Reichenbach (GralsWelt 9/1998 Seite 5 „Der Zauberer von Cobenzl“) haben wir in der GralsWelt schon berichtet.

Literatur:

(1) Doucet, Geschichte der Geheimwissenschaften, Wilhelm Heyne, München, 1982.

(2) Dumas Alexandre, Joseph Balsamo, Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin, 2000.

(3) Black Jonathan, Die geheime Geschichte der Welt, Goldmann, München, 2008.

(4) Fischer Michael W., Die Aufklärung und ihr Gegenteil, Duncker & Humblot, Berlin, 1982.

(5) Hagl Siegfried, Spreu und Weizen, Gralsverlag, Purgstall 10 Eggersdorf, 2003.

(6) Lennhoff Eugen/Posner Oskar/Binder Dieter A., Internationales Freimaurer Lexikon, Herbig, München, 2000.

(7) Roth Jürgen, Mafialand Deutschland, Eichborn, Frankfurt, 2009

(8) Seligmann Kurt, Das Weltreich der Magie, Bechtermünz, Eltville, 1988.

(9) http://de.wikipedia,org/wiki/Propaganda_Due

(10) http://de.wikipedia.org/wiki/Rosenkreuzer (Mit Abbildungen)

 


[i] Manche Esoteriker halten Christian Rosenkreutz für eine historische Persönlichkeit und den Gründer des geheimnisvollen Ordens. Ihm und seiner Bruderschaft werden außergewöhnliche Fähigkeiten zugeschrieben (3, S. 475 f.).

[ii] Näheres dazu in (5)