Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Der Zweite Weltkrieg

Die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts müssen zusammen betrachtet werden. Ohne den Ersten Weltkrieg, ohne den ungerechten Friedensvertrag von Versailles, wäre es auch zu keinem Reichskanzler Adolf Hitler (1889–1945) und zu keinem großen europäischen Krieg gekommen. Denn Hitlers „Programm“ war die Korrektur des Versailler Vertrages. Als dieses Ziel erreicht war – teilweise bereits von seinen demokratischen Vorgängern –, ließ er sich von seiner Hybris leiten und wollte Deutschland zur Vormacht in Europa und den Nationalsozialismus zur Weltideologie machen. Diese Absichten bedeuteten Krieg!

Als deutsche Truppen in Polen einfielen, gab es dazu Begründungen: der „Polnische Korridor“, die Hetzreden polnischer Nationalisten gegen Deutschland, die Pogrome gegen die in Polen lebenden Deutschen. Doch es gab auch Chancen, die Spannungen mit diplomatischen Mitteln zu entschärfen und akzeptable Lösungen zu finden. Zum ersten Mal, seit er Reichskanzler wurde, hatte sich Hitler außenpolitisch verschätzt: Er unterschätzte die Entschlossenheit seiner Verhandlungspartner und glaubte nicht, daß England und Frankreich diesmal ernsthaft entschlossen waren, ihre Polen gegebenen Sicherheitsgarantien auch einzulösen. Zudem vergaß er Amerika im Hintergrund. Die USA würden demokratische Regierungen gegenüber autoritären Regimen bevorzugen. Auch waren amerikanische Politiker besorgt, dass totalitäre Ideen auf die Vereinigten Staaten überspringen könnten. So begann am 1. September 1939 ein von Hitler leichtfertig ausgelöster Krieg, der für Deutschland (anders als der Erste Weltkrieg) schon vom ersten Tag an verloren war …

Allerdings waren die Anfangserfolge der deutschen Truppen phänomenal. Polen war in drei Wochen überwältigt. Dann wurden – den Engländern knapp zuvorkommend – Dänemark und Norwegen besetzt. Als 1940 sogar Frankreich überrannt werden konnte, schien der Krieg gewonnen; würde nur der englische Premier Winston Churchill (1874–1965) mit sich reden lassen. Doch der hoffte auf Zeit und vor allem auf die USA.

Dann wollte sich der verbündete Benito Mussolini (1883–1945) an die Siegesserie der Deutschen anhängen. Gegen Ende des Frankreichfeldzuges fielen seine Truppen in der Provence ein und wurden zurückgeschlagen. Nun suchte der italienische Faschistenführer Waffenerfolge am Balkan und in Nordafrika. Er scheiterte kläglich, und Hitler war gezwungen, deutsche Truppen zu entsenden. Der Feldzug in Afrika, die Besetzung Jugoslawiens und Griechenlands, wie die Eroberung Kretas, banden deutsche Armeen und kosteten Zeit; möglicherweise die entscheidenden Wochen, um die der Angriff auf Russland verschoben werden musste. Später nannte Hitler diese Verspätung ausschlaggebend für das Steckenbleiben im russischen Winter.

Allgemein gilt der Angriff auf Russland am 22. Juni 1941 als ein weiterer Irrsinn Hitlers, der sich von seinem, schon in „Mein Kampf“ verkündeten Konzept des „Germanenzuges gen Osten“ leiten ließ. Nachdem russische Archive für Forscher zugänglich werden, vertreten einige Historiker die Ansicht, dass Hitler einem bereits vorbereiteten russischen Angriff auf Deutschland nur um wenige Wochen zuvorgekommen sei.*

Mit der Ausweitung des Krieges auf viele Fronten – am Kanal, im Atlantik, im Mittelmeer und in Nordafrika gegen England; im Osten gegen Russland; im Balkan und in den eroberten Ostgebieten gegen Partisanen – waren die Kräfte der deutschen Armeen überfordert. Die unvermeidliche Niederlage begann am 6. Dezember 1941 vor Moskau. Sie war besiegelt, als Hitler am 11. Dezember 1941, also gleich nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbour am 7. Dezember, auch den USA den Krieg erklärte. Der europäische Krieg war zum Weltkrieg geworden. Zwar errangen deutsche Truppen 1942 nochmals große Geländegewinne in Russland. Doch im Januar 1943 musste die Stalingradarmee kapitulieren, und von nun an ging es nur noch rückwärts. Das „Reich“ wurde durch Luftangriffe zermürbt und durch Offensiven von allen Seiten zerdrückt.

Der Nationalsozialismus allerdings behielt seine totale Herrschaft über Deutschland bis zum bitteren Ende. Brutale Repressalien und sogar das von den Alliierten verkündete Kriegsziel, die „bedingungslose Kapitulation“ („unconditional surrender“, ein aus dem amerikanischen Bürgerkrieg von 1861–65 stammendes Schlagwort), ermöglichten es der deutschen Propaganda, das deutsche Volk glauben zu machen, dass ihm im Falle einer Niederlage die Vernichtung drohe. Einen „zweiten Dolchstoß“, wie angeblich 1918, gab es daher nicht, es wurde „bis zum Untergang“ gekämpft. Im Mai 1945 war das ganze deutsche Land besetzt, und niemand konnte sagen, dass der Krieg vielleicht doch noch zu gewinnen gewesen wäre, wenn…

Die Verluste durch diesen Krieg waren schrecklich; man spricht von 50 Millionen Toten weltweit. Dazu gehören 7 Millionen Ermordete, besonders Juden, in den Konzentrationslagern, 2 Millionen flüchtende deutsche Zivilisten (von insgesamt 12 Millionen aus ihrer Heimat ausgewiesenen).

Die deutschen Städte waren Trümmerwüsten, und die Industrie stand still; man darf von der schlimmsten Verheerung seit dem 30-jährigen Krieg sprechen. Ganz Deutschland stand unter Militärverwaltung von 4 Siegermächten; ein großer Teil seines Landes war verloren und der Neuaufbau schien schwierig, langwierig und unsicher.

*) vergl.: Hoffmann, Joachim: „Stalins Vernichtungskrieg”, Herbig, München, 1999;
Suworow, Victor: „Der Eisbrecher”, Klett, Stuttgart, 1989

(Veröffentlicht in GralsWelt 20/2001)