Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Der gewalttätige Mensch – “Opfer” seiner Entwicklung?

(Veröffentlicht  in GralsWelt 67/2011)

Angesichts von Gewalttaten wie jener in Norwegen im Juli 2011 stellt sich die grundlegende Frage, weshalb der Mensch zu Bösem fähig ist. Anthropologen meinen, Gewalttätigkeit und andere Übel wären zwangsläufige Folgen unserer Entwicklungsgeschichte. Stimmt das?

Wie kam das Böse in die Welt?

Viele Traditionen berichten von einem weit zurückliegenden „Goldenen Zeitalter“, in dem es die vielen durch Menschen verursachten Übel noch nicht gegeben haben soll. Was geschah also? Früher versuchten spirituelle Überlieferungen, Märchen oder Sagen in symbolischen Erzählungen eine Antwort auf diese Grundfrage zu geben. In neuester Zeit versuchen wissenschaftliche Theorien die Verhaltensweisen des Menschen aus seiner Entwicklungsgeschichte zu erklären – und daraus ergeben sich dann anscheinend auch Antworten auf jene „Million-Dollar-Question“ nach dem Ursprung der Übel …

Die Hinweise auf eine grundlegend bessere Epoche der Menschheitsgeschichte sind vielfältig: Die altindische (vedische) Tradition berichtet von einem weit zurückliegenden „Zeitalter der Wahrhaftigkeit“ oder „goldenen Zeitalter“ (krita yuga), dem weitere drei Zeitalter folgten. Bei Hesiod (um 700 v. Chr.) findet sich diese Lehre wieder; in der Bibel wird im Buch Daniel ebenfalls von verschiedenen Zeitaltern gesprochen. Die bekannteste der Lehren von den vier Weltzeitaltern stammt von Ovid (43 v. Chr.–17 n. Chr.). Auch mittelalterliche Mystiker wie Joachim von Fiore (1130–1202) sprachen von verschiedenen Zeitaltern.

Was also führte dazu, dass jene friedliche Urphase der Menschheitsgeschichte, die man dem “goldenen Zeitalter” zuschreibt, zu Ende ging? Anthropologen sehen die Gründe dafür, dass Übel wie Gewalttätigkeit, Ausbeutung oder Drogensucht in die Welt kamen, als Folge unserer Entwicklungsgeschichte.

Aus den Gejagten wurden Jäger

Vor vielleicht drei Millionen Jahren lebten unsere Urahnen, die Australopithecinen, in Ostafrika. Es waren schwächliche, furchtsame Zwerge, wenig mehr als einen Meter groß. Ihre Nahrung war vorwiegend vegetarisch. Sie verwerteten alles Essbare, das sie einsammeln konnten und verschmähten auch Insekten und Kleintiere nicht. Diese bemitleidenswerten kleinen Geschöpfe wurden von grausamen Räubern gejagt: zum Beispiel von Raubkatzen oder Hyänen. Kleinkinder konnten sogar zur Beute von Greifvögeln wie dem Kronenadler werden. Doch diese Urmenschen benutzten schon Werkzeuge aus Holz, Horn, Knochen oder Stein, was ihnen gewisse Vorteile verschaffte.

Diese armen, vielleicht aber friedlichen Urmenschen fanden in zunehmendem Maße Geschmack an Fleisch.

Zuerst verwerteten sie verendetes Wild, von dem sie die Geier vertrieben. Aufrecht gehende Urmenschen mit guter Fernsicht konnten das Fallwild durch die darüber kreisenden Geier früher erkennen als vierbeinige Aasfresser. Als gute Dauerläufer schafften es unsere Urahnen dann oft, bei den Kadavern vor den Raubkatzen und Hyänen anzukommen. Beim Zerlegen der Beute waren Werkzeuge mit scharfen Klingen schon unentbehrlich.

Dann wurden unsere Vorfahren frecher. Sie wagten es, Raubtiere von deren frisch geschlagenem Wild zu verjagen. Dazu mussten sie schon in Kleingruppen zusammenarbeiten; denn ein Einzelner wäre leicht selbst zur Beute des Raubwildes geworden, das er verscheuchen wollte. Zudem war ein Löwenrudel kaum mit Steinwürfen und Stockschlägen von seiner Beute zu trennen; zu diesem Zweck musste Feuer eingesetzt werden, das Frühmenschen schon vor mehr als 1,5 Millionen Jahren benutzten. Das Lagerfeuer diente bei Nacht als Schutz vor Raubtieren, erlaubte das Rösten von Nahrung und half bei der Gruppenbildung.

Schließlich wandelten sich die zunächst harmlos und hilflos scheinenden Frühmenschen – inzwischen schon etwas größer geworden – selbst zu Jägern und Räubern und entwickelten dabei Gewaltbereitschaft.

Jacob Bronowski weist in seinem Buch „Der Aufstieg des Menschen“ auch auf die Bedeutung der Sprache hin: „Ein langsames Wesen wie der Mensch kann ein großes Savannentier, das schnell entfliehen kann, nur dann anpirschen, verfolgen und stellen, wenn dies im Zusammenwirken mit anderen geschieht. Die Jagd erfordert nicht nur besondere Waffen, sondern auch bewusste Planung und Organisation mit Hilfe der Sprache.“

Hier wird die Jagd als ein bedeutender Anstoß zur Entwicklung unseres wichtigsten Kommunikationsmittels betrachtet: der Sprache.

Neuere Untersuchungen, die Josef H. Reichholf in „Das Rätsel der Menschwerdung“ schildert, brachten übrigens das erstaunliche Ergebnis, dass vor 30 bis 50 Tausend Jahren hochentwickelte Sprachen und Höhlenmalereien gleichzeitig entstanden sein dürften. Der Ursprung der Sprache wird vor 100.000 bis 200.000 Tausend Jahren in der Altsteinzeit vermutet, in der es eine Art Ursprache gegeben haben soll.

Geographie der Rauschmittel

Die Menschen der verschiedenen Kulturkreise benutzen seit Jahrtausenden unterschiedliche Rauschmittel, die meist auch religiöse oder kultische Bedeutung erhielten. Religionskritiker unterstellen daher, dass viele mystische Erfahrungen unter dem Einfluss von Drogen zustande gekommen wären; so ähnlich wie manche auch heute im Drogenrausch ihr Bewusstsein erweitern wollen, um ein „psychedelisches* Pfingsten“ zu erleben.

Josef H. Reichholf beschreibt in seinem Buch „Warum die Menschen sesshaft wurden“ eine „Geographie der Rauschmittel“:

„Der kalten Region sind die halluzinogenen Pilze und die vergärenden Beeren zuzuordnen, dem Übergangsbereich des Berglandes Hanf und Wein – und was gehört zu den Steppen der vorderasiatischen Hochländer und Flusstäler? Die Gräser, deren Samen stärkereich genug waren, um zuckerhaltige Keimsprossen zu erzeugen, aus denen man durch Darren und Rösten jenes Malz gewinnt, das von Hefepilzen zu Bier vergoren wird. Weiter östlich davon setzt die „Opium-Zone“ mit dem Mohn an, aus dem diese besonders starke Droge gewonnen wird. Südlich, am Rande des Indischen Ozeans, nehmen Betelnuss und Khat (Quat) diese anregend-berauschende Rolle ein. In Nordamerika war es der Tabak, in Mittelamerika und im nordamerikanischen Westen die Drogen aus dem Peyote-Kaktus (Lophophora williamsii) und gleichfalls bestimmte Pilze. In Südamerika ersetzt sie das Kokain des Koka-Strauches.“  (11, S. 254)

* Als psychedelisch bezeichnet man einen euphorischen Trance-, Rausch- oder Meditationszustand.

Der Mensch als Raubtier

Wie zutreffend die Bezeichnung des Menschen als „Raubtier“ sein kann, zeigt der Speiseplan mitteleuropäischer Eiszeitmenschen: Sie ernährten sich hauptsächlich wie Raubtiere, zum Beispiel wie der Wolf. Jacob Bronowski: „Fleisch enthält Einweiß in konzentrierterer Form als Pflanzen, und der Fleischverzehr verringert die Nahrungsmenge und die auf das Essen verwandte Zeit um zwei Drittel. Die Folgen für die Evolution des Menschen waren weitreichend. Er hatte mehr freie Zeit zur Verfügung und konnte sie eher indirekt darauf verwenden, Nahrung von Quellen zu besorgen, die man mit roher Gewalt, vom Hunger getrieben, sonst nicht erschließen konnte (wie zum Beispiel Großtiere). Dieser Umstand hat offensichtlich dazu beigetragen (durch natürliche Auswahl), die Tendenz aller Primaten zu fördern, eine Verzögerung im Gehirn zwischen Reiz und Reaktion einzuschalten. Ein Vorgang, der sich schließlich zur menschlichen Fähigkeit entwickelte, die Befriedigung von Wünschen beträchtlich herauszuschieben.“ (4, S. 45)

Anthropologen und Archäologen vermuten, dass der Weg von dieser Stufe an nicht mehr weit bis zur Menschenfresserei war, sie sprechen dabei etwas verschämt von „Anthropophagen“ (Menschenessern). Für diese Theorie spricht, dass bei rezenten Naturvölkern (ritueller) Kannibalismus verbreitet war, bis ihn im 19. Jahrhundert die Kolonialisten gewaltsam beendeten.

Die brutale Rücksichtslosigkeit, der Drang, anderen – Tier oder auch Mensch – ihre Beute abzujagen oder sie gar zu töten, war, so sehen es heute viele Forscher, ursächlich für eine Höherentwicklung des Menschen! Denn ohne Fleischkost als konzentriertem Kalorienlieferanten hätte sein Gehirn sich nicht zu dem Organ entwickeln können, das ihm als „denkendes Wesen“ die Überlegenheit über alle andern Lebensformen auf diesem Planeten gibt.

Es dauerte mehr als zwei Millionen Jahre, bis in einer Evolutionskette aus dem Australopithecus der Homo habilis, dann der Homo erectus, und schließlich, vor etwa 200.000 Jahren, der Homo sapiens wurde, zu dessen Art alle heutigen Menschen gehören. Hat es in diesem Zeitraum wirklich absolut friedliche, gewaltfreie Epochen gegeben?

Unsere Vorfahren erwanderten die Welt

Die meiste Zeit war der Mensch ein Wanderer. Ein Jägerlager muss nach Tagen oder Wochen verlegt werden, nachdem die meisten jagdbaren Tiere vertrieben sind. Manche halten es für die vielleicht größte Leistung des „nackten Affen“ (ein Buchtitel von Morris Desmond; 9) aus Afrika, dass dieser es schaffte, nach und nach alle Klimazonen zu besiedeln und sogar im eiszeitlichen Europa als Großwildjäger zu überleben. Die schwierigen Umweltbedingungen in den kalten Zonen führten zu Verhaltensänderungen, begleitet von grundlegenden Erfindungen (beispielsweise der Nähnadel), die zur Weiterentwicklung des Menschen wesentlich beitrugen.

Die Klimabedingungen im eiszeitlichen Mitteleuropa waren nicht ganz so abschreckend, wie wir es uns oft vorstellen. Die Witterung war weniger wechselhaft als heute. Im Sommer gab es angenehme Temperaturen, etwa wie in jetziger Zeit im Frühling und im Herbst. Die Vegetationsperiode war aufgrund der gleichen Sonneneinstrahlung nicht viel kürzer als heute, so dass auf den Grassteppen reichlich Nahrung für Großtiere wachsen konnte. Im Winter war es zwar deutlich kälter, aber dafür trocken und nicht windig. Reichlich fetthaltige Fleischnahrung, die sich – in den Permafrostboden (Dauerfrostboden) eingegraben – konservieren ließ, warme Kleidung und dichte Felle machten das Überleben in Hütten möglich; denn Höhlen waren rar. Auch gab es kaum Bäume, das Feuerholz war knapp. Ein wärmendes Feuer aus Dung, Knochen und Gesträuch konnte nur einige Stunden am Tag brennen. Im Gegenzug fehlten Tropenkrankheiten, die möglicherweise zu den Auswanderungswellen aus Afrika beigetragen hatten, wie Josef H. Reichholf in seinem Buch „Warum die Menschen sesshaft wurden“ ausführt. (11, S. 188 f.)

Aus heutiger Sicht der Entwicklungsgeschichte gab es für unsere Vorfahren der Gattung „Homo“ nur zwei Möglichkeiten: Entweder auf der Stufe eines harmlosen, hilflosen, nicht sehr großen Primaten zu vegetieren, der in tropischen Breiten überleben kann. Oder als wandernder Jäger (und Räuber) die Gehirnmasse zu vergrößern, gewissermaßen seinen „Computer“ zu entwickeln, die Körpergröße zu steigern, um zuletzt zu dem zu werden, was wir heute als „der Mensch“ bezeichnen.

Kam also entwicklungsbedingt zwangsläufig die Gewaltbereitschaft in die (menschliche) Welt?

Waren die Nomaden wirklich friedlich?

Die Millionen Jahre währende „wilde Zeit des freien Herumstreifens“ der Jäger und Sammler ging nach und nach in andere Zivilisationsformen über. Die sehr langsame biologische Evolution, die nach Darwin ein Wechselspiel von Selektion und Mutation ist (vgl. GralsWelt Themenheft 21/2008 mit der “Darwin-Reihe” Teil 1 – 7), wurde von der kulturellen Evolution abgelöst. Diese verläuft um Größenordnungen schneller, als die Entwicklung durch die biologische Auslese.

Aus Jägern und Sammlern wurden Nomaden, deren Hauptsorge den Herden galt. (Es ist umstritten, ob Nomaden und Bauern nacheinander oder etwa gleichzeitig entstanden sind.)

Damit wurden neue Formen des Zusammenlebens nötig.

In einem Jägerlager wurde die Beute geteilt. Ein sinnvoller Brauch, der sich über Millionen Jahre bewährt hatte. Fleisch verdirbt schnell und wird am besten frisch gegessen. Wer heute etwas erbeutet hatte und mit den anderen in seiner Sippe teilte, konnte damit rechnen, an einem folgenden Tag vom Jagderfolg eines anderen zu profitieren. Das schuf Interesse am Erfolg des anderen und ein soziales Netz. Auch hatten die Jäger und Sammler, außer ihrer Kleidung, ihrem Schmuck und ihren Waffen, kaum persönlichen Besitz. Wild, Beeren, Früchte, Insekten, Wurzeln gehörten allen und keinem.

Der Nomade hingegen muss wissen, wer Eigentümer welcher Herdentiere ist. Teilen ist nur noch bedingt innerhalb der eigenen, mitziehenden Gruppe wichtig. Der in unserem heutigen Leben dominierende Eigentumsbegriff erlangte auf dieser Kulturstufe entscheidende Bedeutung. Jägern und Sammlern fehlt dafür bis heute der Sinn: „Wie stark das Prinzip zu teilen bei heutigen Jägern und Sammlern verankert ist, zeigen ethnografische Feldforschungen. So berichtet der kanadische Ethnologe Richard B. Lee von einem !Kung-Buschmann in der Kalahari, der sich eine Ziegenherde angeschafft hatte. Innerhalb eines Jahres musste der Mann alle Tiere schlachten, um die anderen Lagerbewohner zu verköstigen. Der soziale Druck war so groß, dass es ihm unmöglich war, die Ziegen über längere Zeit zu halten“ (2, S. 66).

Ist also vielleicht bei den Nomaden, die im Gegensatz zu den Jägern und Sammlern nicht mehr selbstverständlich teilen konnten, der Ursprung von Verhaltensweisen wie Habgier und Geiz zu finden?

Jedenfalls waren auch Nomaden manchmal aggressiv. Sie stritten um Weidegründe und um Wasserstellen, wie man auch in der Bibel nachlesen kann (1. Mose, 13,7–11; 21, 25 und 26, 20). Eine weiteres biblisches Thema ist der Jahrtausende währende Kampf zwischen Nomaden und Bauern (Nomade Abel, Bauer Kain, 1. Mose 4, 1–16). Im Altertum und im Mittelalter waren nomadisierende Völker (zum Beispiel Skythen, Hunnen, Magyaren, Araber, Mongolen) der Schrecken der Sesshaften.

Sogar der Geschäftssinn ist viel älter, als man meinen möchte. Vor etwa 130.000 Jahren, also in der mittleren Steinzeit, begann ein vermehrter Austausch von Rohmaterialien, zum Beispiel von Salz und von Hartsteinen zur Anfertigung von Werkzeugen, was für regelrechte Handelsnetze spricht. Die grundlegenden Fähigkeiten für den Handel, wie Arbeitsteilung, Kenntnis von Zahlen- und Mengenverhältnissen, Kommunikationsmöglichkeit usw., müssen bereits vor dem Beginn der Landwirtschaft existiert haben. Andernfalls wären die Menschen zur Landwirtschaft nicht fähig gewesen.

Der Fluch des Eigentums

Vor etwa 12.000 Jahren wurden im Vorderen Orient Schafe und Ziegen domestiziert und der Ackerbau erfunden. Dieser brachte eine einschneidende Wende in der Menschheitsgeschichte, die Historiker als „Neolithische Revolution“ bezeichnen und als den Ursprung der Kultur sehen.

Der Übergang zur Landwirtschaft brachte neue Probleme, denn das gesellschaftliche Leben musste sich grundlegend ändern.

Aus dem drei- bis vierstündigen „Arbeitstag“ des Jägers und Sammlers wurde der Zwölfstundentag des Bauern. Dieser musste hart arbeiten für seine Ernte, die zudem noch stets gefährdet war durch Pflanzenkrankheiten, Schädlinge, Unwetter, Vögel, Wild. Sogar gegen Nomaden musste er sich zur Wehr setzen, weil sie nichts dabei fanden, ihre Herden auf bebauten Feldern weiden zu lassen oder sogar die Siedlungen auszurauben.

So sah sich der Bauer gezwungen, auf seinen Besitz zu achten, sein Eigentum gegen Übergriffe zu verteidigen. Spätestens jetzt richtete sich die Aggression nicht mehr vorwiegend gegen Tiere als Jagdwild oder gegen Raubwild als Bedrohung, sondern besonders auch gegen feindlich gesinnte Menschen.

Eigentum an Feldern, Gebäuden, Werkzeugen, der Ernte wurde überlebenswichtig. Alles zu teilen schien nicht mehr überlebensfördernd, außer mit der eigenen Familie. In Krisenzeiten musste man eher hungern, als das Saatgut für die nächste Aussaat anzutasten.

Von nun an bekommt das Produktivvermögen eine bis heute die Wirtschaft bestimmende Bedeutung, die im Endergebnis den Kapitalismus zeitigte. Seit der vorrangigen Wertigkeit von Eigentum an materiellen Gütern wurde der Mensch bereit, materiellen Besitz unter Einsatz seines Lebens zu verteidigen oder ihn auch gewaltsam zu mehren.

Wo es Besitz gibt, gibt es die, die weniger haben und die, die mehr haben und in der Folge – bei einer Fehlentwicklung bis ins Extreme –, Reiche und Arme, später dann Privilegierte und Unterdrückte, und damit Ausbeutung und Ungerechtigkeit, aber auch … Neid.

Die Entwicklung der Menschheit

 

Einst haben die Kerls auf Bäumen gehockt,

behaart und mit böser Visage.

Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt

Und die Welt asphaltiert und aufgestockt,

bis zur dreißigsten Etage.

 

Da saßen sie nun, den Flöhen entflohn,

in zentralgeheizten Räumen.

Da sitzen sie nun am Telefon.

Und es herrscht noch genau derselbe Ton

Wie seinerzeit auf dem Bäumen.

 

Sie hören weit. Sie sehen fern.

Sie sind mit dem Weltall in Fühlung.

Sie putzen die Zähne. Sie atmen modern.

Die Erde ist ein gebildeter Stern

Mit sehr viel Wasserspülung.

 

Sie schießen die Briefschaften durch ein Rohr.

Sie jagen und züchten Mikroben.

Sie versehen die Natur mit allem Komfort.

Sie fliegen steil in den Himmel empor

Und bleiben zwei Wochen oben.

 

Was ihre Verdauung übrig lässt,

das verarbeiten sie zu Watte.

Sie spalten Atome. Sie heilen Inzest.

Und sie stellen durch Stiluntersuchungen fest,

dass Cäsar Plattfüße hatte.

 

So haben sie mit dem Kopf und dem Mund

Den Fortschritt der Menschheit geschaffen.

Doch davon mal abgesehen und

bei Lichte betrachtet sind sie im Grund

noch immer die alten Affen.

 

Erich Kästner (1932)

Dicht zusammengedrängt auf engstem Raum

Die Bevölkerung nahm zu. Vor etwa 12.000 Jahren – die Zeitspanne von damals bis heute ist ein winziger Bruchteil der Jahrmillionen umfassenden Entwicklungszeit des Menschen – entstanden erste Siedlungen. Ein Jägerlager hatte vielleicht 20 Mitglieder. In frühen Dörfern wohnten vor 9.000 Jahren bereits Hunderte. Vor 7.000 Jahren gab es dann schon Städte mit 6.000 Einwohnern. Die Ansiedlungen wurden befestigt, um sie gegen gewalttätige Eindringlinge zu schützen.

Die Menschen mussten nun dicht zusammengedrängt auf engem Raum leben. Dadurch entstanden neue Konfliktpotentiale. Die Freiheit des Jägers, bei einem Streit das Lager zu verlassen und räumliche Distanz zwischen sich und das Ärgernis zu legen bis sein Unmut abgekühlt war, war nicht mehr gegeben. Erinnerungen an diese längst verwehte „Jägerfreiheit“ sind bis heute lebendig in Volksliedern, in der Sehnsucht nach unberührter Natur, im Verlangen nach „persönlicher Freiheit“ und in der Suche nach Abenteuern.

In der Stadt mussten bislang unbekannte Probleme bewältigt werden; von neuen Krankheiten und Parasiten über die Unratbeseitigung bis zur Wasserversorgung. Viele Projekte, wie die Stadtbefestigung, Verteidigung oder Bewässerung, waren nur in Gemeinschaftsarbeit zu verwirklichen und mussten organisiert werden. Damit entstanden neue Hierarchieformen. Es folgten Herrscher, Steuern, das Finanzamt – und vermutlich auch Kriege und Sklaverei.

Religion und Rauschmittel für den Zusammenhalt

Die Bewohner einer Siedlung sind aufeinander angewiesen. Davonlaufen geht nicht mehr. Was bringt sie zu friedlichem Zusammenleben nach innen – bei gleichzeitiger Aggressionsbereitschaft nach außen?

Einen entscheidenden Teil dieser Aufgabe übernimmt die Religion. Schon bei arktischen Wildbeutern, als ein Beispiel hierzu, spielten und spielen Schamanen – mit ihren Drogen – eine zentrale Rolle; als Heiler, Hellseher, Ratgeber, Propheten oder „Mittler zwischen den Welten“, wie Brian M. Fagan in seinem Buch „Aufbruch aus dem Paradies“ ausführt. Religiöse Gebote bildeten die ersten (rechtlichen) Regelungen des Gemeinschaftslebens. Religiöse Riten, gemeinsame Mahlzeiten, (religiöse) Feiern, Tauf-, Hochzeits- und Bestattungsrituale, mythische Überlieferungen, fördern das Gemeinschaftsgefühl noch heute. Eine Gesellschaft ohne von allen Mitgliedern anerkannte Verhaltensregeln findet nur schwer eine Basis für ein sicheres Zusammenleben. Sogar eine freiheitliche, demokratische Verfassung in der Moderne muss den Mitgliedern ihres Gemeinwesens „heilig“ sein; auch wenn es schwer fällt, allein damit Zusammengehörigkeitsgefühle anzusprechen oder Begeisterung in Form eines „Verfassungspatriotismus“ zu wecken.

Wenn man Josef H. Reichholf folgt, dann spielten neben den religiösen Riten besonders die Rauschmittel eine wichtige Rolle bei der emotionalen Gemeinschaftsbildung: „Das gemeinsame Trinken war es, das die Menschen dazu brachte, Getreide anzubauen – und nicht der Zwang, mehr Clan-Mitglieder zu ernähren“ (2, S. 64).

Jedenfalls waren Kenntnisse im Brauen von Bier schon vor 9.000 Jahren weit verbreitet (5), und das älteste überlieferte Rezept zum Bierbrauen ist 6.000 Jahre alt (11). Waren also zu einer (fragwürdigen) Förderung des Gemeinschaftsgefühls Rauschmittel nötig? Jeder Kulturkreis benutzt ja seine besonderen Drogen (siehe Kasten „Geographie der Rauschmittel“). Kam mit diesem Bedürfnis nach Gemeinschaft auch das Übel des Alkoholismus und des Drogenkonsums in die Welt? Der Brauch des gemeinsamen Genusses von alkoholischen Getränken hat im europäischen (christlichen) Kulturkreis – zum Beispiel bei Empfängen, Festen oder am Stammtisch – bis heute seine Bedeutung behalten.

Die Erde – ein Selbstbedienungsladen ohne Kasse?

Eine weitere Erfahrung aus Urzeiten macht uns heute schwer zu schaffen: Die Erde war aus damaliger Sicht unbegrenzt groß, mit unerschöpflichen Ressourcen. Der Mensch dagegen erschien klein und schwach, er konnte gegenüber der übermächtigen Natur nur wenig bewirken. Wenn ein Gebiet durch Jagd, Weide oder Ackerbau übernutzt war, zog man weiter und suchte ein anderes, unberührtes Stück Land.

So ganz zutreffend war diese uralte Ansicht eigentlich nie, auch nicht vor 30.000 Jahren, wo die langsame Ausrottung von Großtieren vermutlich längst begonnen hatte (vgl. GralsWelt 28/2003, „Im Einklang mit der Natur?“). Am Ende der Eiszeit vor 12.000 Jahren nahm dann die Großtiervernichtung, als „Pleistozäner Overkill“ bezeichnet, dramatische Ausmaße an.

Die Fehleinschätzung von der Unerschöpflichkeit der Erde wurde eine der Ursachen für den rücksichtslosen Umgang mit der Natur, ein Übel, das die menschliche Ökonomie seit Jahrtausenden prägt. Die Menschheit vermehrt sich zu Lasten der Natur, und sie breitet sich aus mit dem technischen Potential von Hochzivilisationen und der Unvernunft von Parasiten, die ihren Wirt zugrunde richten.

Noch im 18. und 19. Jahrhundert erschienen den Einwanderern große Teile der heutigen USA als unberührte Weiten, die unternehmungslustigen, tüchtigen Menschen unbegrenzte Möglichkeiten boten. Heute, wo die Erde übervölkert ist und viele Ressourcen knapp werden, fällt es uns immer noch schwer, uns von diesem unbewussten, aber prägenden, uralten Fehlschluss von der grenzenlos ausbeutbaren Erde zu trennen. Wir sehen ja nur unser persönliches Handeln, das keinen großen, keinen direkt sichtbaren Einfluss auf die weitere Umgebung hat. Trotz besseren Wissens verinnerlichen wir zu wenig, wie sehr unsere Umwelt unter zu vielen Menschen mit zu viel Konsum degeneriert. Dass die Erde ein Lebensraum ist, der zerstört werden kann, und nicht ein Supermarkt ohne Kasse, in dem sich jeder nach Belieben bedienen darf, ist uns noch immer nicht hinreichend klar.

Ist die Entwicklungsgeschichte an allem schuld?

Alles in allem ist es kein schönes, befriedigendes Bild von der Menschheitsentwicklung, das Kulturanthropologen heute entwerfen. Gewalt, Habgier, Geiz, Ausbeutung, Ungerechtigkeit, Neid, (ungerechte) Herrscher, Kriege, Sklaverei, Steuern, das Finanzamt, Alkoholismus, Drogen, rücksichtsloser Umgang mit der Natur: All diese Übel wären demnach unvermeidliche Begleiterscheinungen zuerst der biologischen und dann der kulturellen Entwicklung der Menschheit.

Aber ist es wirklich so? Leiden wir heute immer noch unter einer uralten Gehirnwäsche, die jeder menschlichen Gesellschaft ein gerütteltes Maß von „kultureller Gewalt“ aufzwingt? Die modernen Massenmedien jedenfalls können allem Anschein nach ohne Gewaltdarstellung oder gar Gewaltverherrlichungen nicht erfolgreich sein.

Gibt es also Hoffnung auf Überwindung der Übel und eine friedlichere Zukunft?

So weit wir Genaueres von der Kulturgeschichte der Menschheit wissen – im Wesentlichen seit der Erfindung der Schrift – ist festzustellen, dass Menschen über die inhumanen Verhaltensweisen nachdachten, die uns aus kulturhistorischer Sicht von der Evolution aufgezwungen wurden. Es gab religiöse, philosophische, altruistische Ansätze zur Überwindung lebensfeindlicher Impulse, von denen kein Mensch ganz frei scheint.

Der Mensch empfand trotz allem wohl schon immer, dass er kein Spielball der Natur und nicht ohne Eigenverantwortung ist. Er ist – auch so, wie er heute ist – kein zwangläufiges Ergebnis einer Entwicklungskette, denn der Mensch ist in seinem eigentlichen Wesen mehr als das Ergebnis der Jahrmillionen währenden Entwicklung von Gehirn und Körper.

An dieser Stelle liegen heutzutage Religion und öffentliche Forschung im Widerstreit. Die einen sagen, der Mensch ist sein Körper; die anderen sagen, der Mensch ist nicht sein Körper, sondern er hat einen Körper.

Wer das Werk „Im Lichte der Wahrheit“ kennt, wird sich aus persönlichem Erleben und eigener Überzeugung der zweiten Aussage anschließen: Als geistiges Wesen, das nicht der Materie entstammt, zeichnet den Menschen freier Wille und Bewusstsein aus, die ihm selbstbestimmte Entscheidungen ermöglichen. Wir alle haben die Fähigkeit, uns über naturgegebene Zwänge, wie sie aus der geschilderten biologischen Entwicklung resultieren mögen, hinauszuentwickeln. Wir können unsere Umgebung und unser menschliches Zusammenleben auf einer spirituellen Grundlage kreativ gestalten.

Es mag schwierig erscheinen, sich dieser alten und ursprünglichen Wahrheit bewusst zu bleiben, angesichts des derzeit dominierenden materialistischen und kapitalistischen Weltbildes. Doch auch der sogenannte Materialist kann zu der Einsicht kommen, dass er die Wahl hat zwischen dem Chaos und vernünftigem Handeln. Menschlichkeit und Naturverständnis sind vernünftig.

Vielleicht ist die Kenntnis darüber, dass viele der in uns ruhenden zerstörerischen Impulse aus einer lange zurückliegenden Periode unserer Entwicklung stammen, sogar hilfreich. Denn wer diese in Urzeiten abgespeicherten Programmierungen als nicht lebensfördernd erkennt, kann sie leichter bewusst überwinden und auf dem Weg vom gewalttätigen Raubtier zum wahren Menschentum vorankommen.

Literatur:

(1) Bild der Wissenschaft, 7/2009

(2) Bild der Wissenschaft, 9/2009

(3) Bild der Wissenschaft, 2/2011

(4) Bronowski Jacob, Der Aufstieg des Menschen, Ullstein, Frankfurt 1976

(5) Der Spiegel, Nr. 52/2009, Seite 132

(6) Fagan Brian M., Aufbruch aus dem Paradies, Beck, München, 1991

(7) Hagl Siegfried, Wenn es kein Wunder war, Verlag der Stiftung Gralsbotschaft, Stuttgart 2000

(8) Hardy Alister Clavering, Der Mensch – das betende Tier, Klett-Cotta, Stuttgart 1975

(9) Morris Desmond, Der nackte Affe, Droemer-Knaur, München 1970

(10) Reichholf Josef H., Das Rätsel der Menschwerdung, dtv, München 1997

(11) Reichholf Josef H., Warum die Menschen sesshaft wurden, Fischer, Frankfurt a. M. 2008

(12) Reichholf Josef H., Warum wir siegen wollen, dtv, München 2001

(13) Waal Frans de, Der gute Affe, dtv, München 2000