Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Der Erste Weltkrieg

(Veröffentlicht in GralsWelt 18/2001)

Auf dem Wiener Kongress schufen europäische Diplomaten 1814/15 nach Napoleons Sturz ein sogenanntes Mächtegleichgewicht, das dem Kontinent stabile Verhältnisse schenken und Kriege ersparen sollte. Die Einigung der deutschen Provinzen zu einem gemeinsamen Staat (1871) und der anschließende Aufstieg des Deutschen Kaiserreiches zu einer bedeutenden Industrienation störten diese Balance der Kräfte.

Derartige Verschiebungen der politischen, militärischen, wirtschaftlichen Gewichte haben in der Weltgeschichte regelmäßig zu kriegerischen Konflikten geführt, wenn etablierte Mächte einen solchen Zuwachs bei einem Konkurrenten nicht dulden wollen. Schließlich galten Kriege als legitime „Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“ (Clausewitz). Erst Kernwaffen machten große kriegerische Auseinandersetzungen unverantwortbar und zwangen die Diplomaten unter allen Umständen politische Lösungen zu finden.

Am Anfang des 20. Jahrhunderts kollidierten Interessen europäischer Nationen: Franzosen verlangten das 1871 von Deutschland annektierte Elsass-Lothringen; Russen drängten zum Bosporus; Österreich und Russland (wie auch Frankreich und Italien) hatten Optionen am Balkan; das traditionell um das politische Gleichgewicht auf dem Kontinent besorgte England spürte zu seinem Nachteil die erfolgreiche Konkurrenz der deutschen Industrie, es wurde von Krisen in seinen Kolonien bedrängt, sah seine Bedeutung schwinden, verfolgte argwöhnisch den Bau einer starken deutschen Kriegsflotte, usw., usf. Von den Differenzen zwischen den Kolonialmächten in Übersee ganz zu schweigen. Gegenseitiges Misstrauen bestimmte die Politik, und die europäischen Staaten rüsteten.

Im zaristischen Russland eskalierten innere Spannungen und ließen eine Revolution befürchten, die einflussreiche Kreise durch einen Krieg überspielen wollten.

Das Deutsche Reich, durch verfehlte Diplomatie und Ungeschicklichkeiten seines säbelrasselnden Kaisers politisch isoliert, verband sich politisch mit Österreich-Ungarn, dem Vielvölkerstaat, der in den Zeiten des überschäumenden Nationalbewusstseins als Relikt aus dem Mittelalter galt.

Als am 28.Juni 1914 das österreichische Thronfolgerpaar in Sarajevo ermordet wurde, löste die darauf folgende hektische diplomatische Krise zwischen Österreich und Serbien einen weltweiten Krieg aus, den Egon Friedell (1878-1938) als „das Ende der Neuzeit“ bezeichnete. (3, S. 1490).

Wer heute nach Schuldigen für diese Katastrophe sucht, sollte nicht ausschließlich die Artikel des Versailler Vertrages studieren, der Deutschland die „Alleinschuld“ zuschrieb, sondern auch bei dem englischen Premier David Lloyd George (1863-1945) nachschlagen: „Je mehr man von den Memoiren und Büchern liest, die in den verschiedenen Ländern über den Kriegsausbruch geschrieben worden sind, desto deutlicher erkennt man, dass keiner von den führenden Männern diesen Krieg wirklich gewollt hat. Sie glitten sozusagen hinein oder vielmehr: sie taumelten und stolperten hinein, aus Torheit!“ (3, S. 1490).

Im August 1914 ahnte kaum jemand, was bevorstand. Denn der erste „moderne Krieg“ – der amerikanische Bürgerkrieg mit ungeheuren Menschenverlusten und schrecklichen Leiden der Zivilbevölkerung – diente den Europäern mangels Kenntnis nicht zur Warnung. So brachen die Schrecken eines mit allen technischen Mitteln geführten Massenkrieges erstmals über den alten Kontinent herein, während man lediglich einen kurze, schnellen „Waffengang“ erwartet hatte.

Als erstes wollte der deutsche Generealstab, dem „Schlieffen-Plan“ folgend, Frankreich niederwerfen, um danach den Rücken frei zu haben, wenn es gegen Russland gehen musste. Dazu marschierten deutsche Truppen durch das neutrale Belgien, worauf England Deutschland den Krieg erklärte. Der Deutsche Angriff blieb vor Paris stecken, und der gefürchtete Zweifrontenkrieg trat ein. Daran konnte auch ein Sieg über die einfallenden Russen in der Schlacht bei Tannenberg nichts ändern.

Die „Mittelmächte“ (Deutschland und Österreich-Ungarn) mit ihren Verbündeten (Türkei, ab 1915 Rumänien) waren eingekreist von den „Alliierten“ (England; Frankreich, Russland und von 1915 an auch Italien) und mussten zuletzt gegen insgesamt 26 Feindstaaten, darunter sogar Japan, kämpfen. Der Zugang zu überseeischen Ressourcen war den Mittelmächten versperrt, die auf eine Blockade nicht vorbereitet waren. Eine bis dahin unbekannte Rüstungswirtschaft musste aus dem Boden gestampft werden.

Im Jahre 1917 schien dann Friede möglich. Die Mittelmächte hatten unsäglich gelitten, Frankreich stand vor dem Zusammenbruch und in Russland war Revolution. Der amerikanische Präsident Woodrow Wilson (1856-1924) glaubte an die „Vernunft der Nationen“ und versuchte auf der Basis seiner „14 Punkte“ zu vermitteln; doch törichte Nationalisten, auch in Deutschland, beschworen noch immer den „Sieg“ und verhinderten einen für alle Seiten annehmbaren Kompromissfrieden.

Als zuletzt die Vereinigten Staaten in den Krieg eintraten, überzeugt Freiheit und Demokratie zu verteidigen, hatten die Alliierten das militärische und wirtschaftliche Übergewicht. Im Herbst 1918 war der Weltkrieg für Mittelmächte und ihre Verbündeten verloren. Deutschland und Österreich wurden zu Republiken, die harte Friedensbedingungen akzeptieren mussten.

Diese, von den Siegern, den Alliierten, diktierten Friedensverträge machten die altruistischen Ideen des amerikanischen Präsidenten zur Makulatur. Österreich-Ungarn wurde zerschlagen, das türkische Imperium zerbrach, das Deutsche Reich erlitt schwerste Verluste und sollte Kriegsentschädigungen zahlen, die es in den Ruin trieben.

David Lloyd George ahnte die Folgen der ungerechten und unstabilen Friedensordnung, als er den Vertrag von Versailles kommentierte: „Jetzt haben wir ein schriftliches Dokument, das und Krieg in zwanzig Jahren garantiert.“ (1, S. 58).

Die Folgen des Ersten Weltkrieges waren für Europa und die Welt dramatisch:

Im Russland herrschten die Bolschewisten. Die kommunistische Ideologie, deren Ziel die Weltrevolution war, wurde zur Hoffnung der Armen in der Welt, die erwartungsvoll auf das sozialistische Russland blickten.

Deutschland, unter der Knute von Reparationszahlungen, lag im Spannungsfeld zwischen westlicher Demokratie und bolschewistischem Totalitarismus und musste einen neuen Weg suchen. Die aus der Niederlage geborene junge deutsche Demokratie war in der Bevölkerung ungeliebt und unverstanden.

Auch das Verhältnis zwischen den weißen und den farbigen Völkern änderte sich. Die Alliierten hatten in Europa Kolonialtruppen eingesetzt, und in Afrika hatten Weiße gegen Weiße gekämpft. Der Nimbus der Europäer war gebrochen, und das Ende der Kolonialzeit eingeläutet.

Die Kreuzritter für Freiheit und Demokratie aus den USA zogen sich enttäuscht von der europäischen Bühne zurück und traten nicht einmal dem von Woodrow Wilson initiierten Völkerbund bei. Henry Kissinger hat das Ergebnis des Ersten Weltkrieges so kommentiert: „Die Folge der Napoleonischen Kriege war ein Jahrhundert des Friedens gewesen, beruhend auf einem ausbalancierten europäischen System und gemeinsamen Werten. Die unmittelbaren Nachwirkungen des Ersten Weltkrieges waren soziale Umwälzungen, ideologische Konflikte und ein weiterer Weltkrieg.“ (4, S. 237).

Zwischen den Staaten Europas, auch innerhalb seiner Völker und Nationen, gab es keine gemeinsame Wertvorstellung mehr: Demokratie und Diktatur, freie Marktwirtschaft und kollektive Planwirtschaft, Nationalismus und Internationalismus, Konservatismus und progressives Denken standen sich unversöhnlich gegenüber und drohten die staatlichen Gebilde zu zerreißen.

Es folgte eine Zeit der Unruhen und Krisen, die in der Weltwirtschaftskrise von 1929 kulminierte, die selbst die reichen USA empfindlich traf. Auf diesem Boden von Unsicherheit und Zukunftsangst, begleitet vom Streit der Ideologien, schien alles möglich: eine Katharsis mit der Wendung zum Besseren ebenso wie der Sturz ins Chaos.

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Literatur:

  • Carmin, E. R.: „Guru Hitler“, SV International/Schweizer Verlagshaus, Zürich, 1985.
  • Drollinger, Hans: „Der erste Weltkrieg“, Kurt Desch, München, 1965.
  • Friedell, Egon: „Kulturgeschichte der Neuzeit“, C. H. Beck, München, 1931.
  • Kissinger, Henry: „Die Vernunft der Nationen“, W. J. Siedler, Berlin, 1994.

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