Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Das Jahrhundert der Utopien

(veröffentlicht in GralsWelt Themenheft 3/1999)

Wie werden Historiker das 20. Jahrhundert einmal einstufen? Als „Aluminium-Zeit“, „Kunststoffzeitalter“, „Atomzeitalter“, „Computer-Zeitalter“, „Elektronik-Zeitalter“, „Informationszeitalter“? Oder als das „Jahrhundert der angewandten Utopien“ – vielleicht sogar als das „Jahrhundert der Illusionen“? Im Rückblick auf das 20. Jahrhundert fällt auf, dass noch niemals in der bekannten Geschichte versucht wurde, so viele Utopien – religiöse Vorstellungen, politische Fiktionen, Ideologien – nicht selten mit Gewalt in die Praxis umzusetzen. Viele dieser utopischen Zukunftsbilder haben sich bereits als Illusion entpuppt, andererseits sind gerade Utopien und Visionen oft wichtige Triebfedern für die menschliche Entwicklung.

 

Ohne Hoffnung kann ein Mensch nicht leben, und wenn sich seine Erwartungen gegenwärtig im „Raum der Tatsachen“ nicht erfüllen lassen, seine Wünsche und Vorstellungen nicht praktisch umzusetzen sind, dann erhebt er sich ins Reich der Gedanken, Phantasien, Fiktionen, Philosophien und der Utopien. Utopische Zukunftsbilder von einer „besseren Welt“ begleiten uns Menschen seit Jahrhunderten. Religiöse, politische, ökonomische Luftschlösser, von Platons „Staat“ über Thomas Morus’ „Utopia“[i] bis zum kommunistischen Manifest, von den Endzeiterwartungen der Bibel bis zu den Erlösungshoffnungen heutiger UFOlogen: Unser Denken und Wollen kreist um die Frage, wie eine „bessere Welt“ zu gestalten sei. Entweder durch eigene, menschliche Ideen und Errungenschaften oder mit Hilfe „von oben“; also durch Eingriffe von überirdischen Wesen (Engeln, Gottheiten), durch Gott selbst, oder auch durch uns technisch-zivilisatorisch haushoch überlegene Intelligenzen von irgendwoher aus dem All…

Nur ausnahmsweise allerdings hat man ernsthaft versucht, solche meist recht theoretischen Ideal-Vorstellungen in die Tat umzusetzen. Platons Scheitern beim Tyrannen von Syrakus[ii] ist sprichwörtlich, und die Herrschaft der mittelalterlichen Kirche lässt sich auch nur schwer – wie Augustinus dies versuchte – als Erfüllung der Verheißung des Tausendjährigen Reiches der Johannes-Apokalypse interpretieren.

Das heißt nicht, dass große Zukunftsträume immer wirkungs- und folgenlos blieben. Erste Siedler in Nordamerika lasen Thomas Morus und bemühten sich, ihre zunächst bescheidenen Niederlassungen nach philosophischen, puritanischen, presbyterianischen Lehren[iii] zu organisieren. Das damit verbundene Sendungsbewusstsein prägt bis heute das amerikanische Denken, wie kein Geringerer als Henry Kissinger erklärte.

In einzelnen Fällen konnten sich auf Wunschbildern beruhende Gemeinschaften sogar behaupten. Die Amischen, die 1693 dem elsässischen Mennoniten[iv]-Bischof Jacob Amann nach Pennsylvanien folgten, lehnen bis heute moderne Technik ab und produzieren in mustergültiger ökologischer Landwirtschaft Produkte anerkannter Qualität. Ein besonders interessantes Experiment – die Jesuiten-Republik Paraguay – existierte leider nur wenige Jahrzehnte (von 1607 bis 1667), bevor es der Habgier der Kolonialisten zum Opfer viel. (Vgl. “Utopia im Urwald”).

Hoffnung

Es reden und träumen die Menschen viel

Von besseren künftigen Tagen

Nach einem glücklichen goldenen Ziel

Sieht man sie rennen und jagen.

Die Welt wird alt und wird wieder jung,

Doch der Mensch hofft immer Verbesserung.

 

Die Hoffnung führt ihn ins Leben ein,

Sie umflattert den fröhlichen Knaben,

Den Jüngling locket ihr Zauberschein,

Sie wird mir dem Greis nicht begraben:

Denn beschließt er im Grabe den müden Lauf,

Noch am Grabe pflanzt er die Hoffnung auf.

 

Es ist kein leerer, schmeichelnder Wahn,

Erzeugt im Gehirne des Toren,

Im Herzen kündet es laut sich an:

Zu was Besserm sind wir geboren.

Und was die innere Stimme spricht,

Das täuscht die hoffende Seele nicht.

Friedrich von Schiller

Doch Vorstellungen von einem idealen Staat, die auch in die Praxis umgesetzt wurden, blieben Jahrhunderte lang die Ausnahme. Erst die amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776 und die französische Revolution (1789) läuteten diesbezüglich ein neues Zeitalter ein. Von nun an waren die Menschen nicht mehr gewillt, die seit Jahrtausenden übliche Willkürherrschaft als „gottgegeben“ hinzunehmen. Ideale wie „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ machten als Schlagworte Politik, und philosophische Konstruktionen (Bürgerrechte, Gewaltenteilung, das Volk als Souverän) beeinflussten das Verfassungsrecht. Diese Entwicklung prägte die letzten Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts. Im 19. Jahrhundert blieben vor allem die Vereinigten Staaten dem „modernen“ politischen Denken verpflichtet. Andere Nationen kehrten – zumindest vorübergehend – zum Althergebrachten zurück, wie das am deutlichsten im Metternichschen „Legalitätsprinzip“[v] zum Ausdruck kam, das sich durch den Wiener Kongress in Europa weitgehend durchsetzte. Außerhalb der USA und Englands fassten demokratische Gedanken nur sehr zögernd Fuß. Kommunisten und Sozialisten waren nicht allein Autokraten, sondern auch dem Bürgertum ein Gräuel. Daran änderten auch die Erhebungen von 1848 zunächst wenig.

So konnte sich im 19. Jahrhundert von den damals „modernen“ Ideen nur der „freie Handel“, der möglichst ungehinderte Warenverkehr, behaupten. Dieser Wirtschaftsliberalismus breitete sich aus, so weit der angelsächsische Einfluss reichte. Wenn uns heute im Zuge der Globalisierung ein „freier Welthandel“ fast schon selbstverständlich scheinen mag, so sollten wir nicht vergessen, dass auch diese Idee einst als Utopie begann und ein damals umstrittenes theoretisches Prinzip repräsentierte.

Unserem 20. Jahrhundert blieb es vorbehalten, politische und wirtschaftliche Utopien auf breiter Front in praktische Politik umzusetzen. In vielen Fällen zum Schaden der davon betroffenen Menschen. Denn charakteristisch für das 20. Jahrhundert war es, auf menschenverachtende Weise politische Ziele durchzusetzen und das Wohl der Menschen den Götzen abstrakter Ideologien zu opfern.

Das begann 1917 mit der Oktoberrevolution: In Russland forderten Räte-(Sowjet)-Republiken den bedingungslosen Einsatz jedes einzelnen für das übergeordnete Ziel einer in (ferner) Zukunft irgendwann kommenden idealen kommunistischen Gesellschaft. Dann folgten faschistische und nationalsozialistische Diktaturen in Italien, Deutschland, Spanien. Nach dem 2. Weltkrieg dominierten sozialistische Diktaturen im Ostblock, in China und vielen weiteren Ländern der Dritten Welt. Beide Fiktionen – rechte wie linke – forderten die volle Hingabe ihrer Bürger. Ein besonders schwer einzuordnendes Beispiel für eine mit Brachialgewalt erzwungene Utopie bildet die chinesische Kulturrevolution, die das Land um Jahrzehnte zurückwarf.

Diese politischen Illusionen wurden von einer weiteren, für das 20. Jahrhundert typischen utopischen Annahme gestützt: Dem Glauben an die grenzenlosen Möglichkeiten von Wissenschaft und Technik und der nicht begründbaren Vorstellung, dass unbegrenztes Wachstum aller Art auf Erden möglich, anzustreben und notwendig sei.

Die „fortschrittlichen“ Ideen, mit denen wir in das 20. Jahrhundert eingetreten sind – Kommunismus, Kapitalismus, Wissenschaft, Wachstum, technischer und zivilisatorischer Fortschritt aller Art – sind nun fragwürdig geworden, und das nahende Jahrhundertende fordert Überdenken und Neuorientieren.

Selbst die Aufbruchsstimmung nach dem 2. Weltkrieg, als die nationalsozialistische Gewaltherrschaft erledigt war, und Demokratie und Ökonomie nach amerikanischem Vorbild „goldene Zeiten“ versprachen, konnte in der harten Wirklichkeit nicht dauern. Heute müssen wir zum Beispiel einräumen, dass die Entwicklungshilfe gescheitert ist, und dass niemand weiß, wie den Problemen der Armut in unterentwickelten Ländern (die sich auf Industrieländer ausweiten kann) entgegengetreten werden soll.

So bleibt im Rückblick auf das 20. Jahrhundert die Erkenntnis, dass noch niemals in der bekannten Geschichte versucht wurde, so viele Utopien in praktische Politik umzusetzen. Und selbst die bevorstehende Jahrtausendwende ist noch von Utopien beherrscht: Es gibt Länder, in denen mittelalterlich anmutende religiöse Dogmen mit äußerster Härte durchgesetzt werden können, weil viele Menschen im religiösen Fanatismus ihre letzte Hoffnung suchen. Andere Staaten haben sich für offene Grenzen, weltweite Zusammenarbeit entschieden und wagen in bester Überzeugung ein globales Experiment – auch eine Utopie ohne Vorbild in der Weltgeschichte…

 

 


[i]Sir Thomas More (1478-1535) war engl. Lordkanzler Heinrich VIII., Staatstheoretiker und Humanist. Er legte 1532 aus Protest gegen die antipäpstliche Politik des Königs seine Ämter nieder und wurde 1535 enthauptet. Seine satirische Schrift „Utopia“ (1516) schildert eine auf Gemeineigentum aufgebaute Gesellschaft und gab einer Literaturgattung („Utopien“) den Namen.

[ii] Der griechische Philosoph Plato (427-347 v. Chr.) bemühte sich bei seiner Reise in die unter einem Tyrannen mächtig gewordene italienische Hafenstadt Syrakus vergeblich um eine Reform des politischen Denkens.

[iii] Diese zeichnen sich u. a. durch Einfachheit (Abschaffung der Priestergewänder, Vereinfachung der Liturgie) und eine enge Bindung an das Bibelwort aus. Die Presbyterianer (im Urchristentum die „Ältesten“) lehnten das Bischofsamt ab, die Leitung ihrer religiösen Gemeinden liegt auf allen Ebenen in der Hand von „Ältesten“. Von „Puritanern“ (lat. purus = „rein“) spricht man seit dem 16. Jahrhundert als Bezeichnung für alle streng kalvinistisch gesinnten Protestanten in England und Schottland.

[iv] Eine der Täufergemeinden, die die Taufe von Kindern und Jugendlichen ablehnen.

[v] Klemens Fürst von Metternich (1773-1859) war österreichischer Staatskanzler. Das von ihm vertretene Legalitätsprinzip stützte sich innenpolitisch auf Polizeigewalt und versuchte liberale Kräfte zu unterdrücken.