Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Als Krankheiten Geschichte schrieben

Vom Untergang der Goten und der Inkas

Die Weltgeschichte, wie sie üblicherweise gelehrt wird, ist eine merkwürdige Sammlung von Fakten und deren Interpretationen, die ein anschauliches Bild vergangener Epochen bieten wollen. Die vermittelten Schilderungen verwehter Zeiten sind zwangsläufig lückenhaft und zudem von einem „Zeitgeist” geprägt, dem auch ein um Ob­jektivität bemühter Historiker nicht entgehen kann. Oft genug bietet daher die Geschichtsschreibung eher Dichtung als Wahrheit und ist darüber hinaus sehr einseitig. Im Rahmen unserer Serie „Seltsame Geschichten – sagenhafte Irrtümer – rätselhafte Phänomene” nimmt sich Siegfried HAGL diesmal einem besonders vernachlässigten Aspekt der Geschichtsbetrachtung an, nämlich der großen Rolle, die Krankheiten stets spielten. Die Goten und die Inkas dienen dabei als Beispiele.

Vom Untergang der Goten

Die bekannten Germanenzüge nach dem Süden, nach Italien (Ostgo­ten) oder Spanien (Westgoten) und Nordafrika (Wandalen) waren eigentlich nur kurze Episoden ohne weitreichende Bedeutung. Seit ihnen aber in der Geschichtsbetrachtung des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts breite Beachtung geschenkt wurde, können sie als Paradebeispiele für einseitige Geschichtsbetrachtung gelten. Am bekanntesten wurde der Zug der Ostgoten, deren Untergang auf italienischem Boden Felix Dahn (1834-1912) in einem vielgelese­nen Heldenepos dichterisch verklärte. Dieser Bestseller prägte das Geschichtsbewußtsein ganzer Generationen.

Nach strengen historischen Maßstäben dauerte die Geschichte der Ostgoten nur etwa fünf Generationen (von 451 bis 552). Am Anfang und am Ende standen Niederlagen und Königsnamen: Valamier befehligte 451 das ostgotische Kontingent, das mit dem Heere Attilas bei den Katalaunischen Feldern geschlagen wurde. Teja fiel 552 am Mons Lactarius (dem „Milchberg” südlich von Salerno); mit ihm gingen das Königtum und die ethnische Identität der Ostgoten unter.

In dieser kurzen Epoche liegt der legendäre Aufstieg der Ostgoten unter Theoderich (456-526), der 471 König wurde und 488 als kaiser­licher Statthalter auszog, Italien zu erobern. Die deutschen Sagen kennen ihn als Dietrich von Bern.

In Italien hatte der germanische Heerführer Odoaker (433-493) mit seinen Söldnern den letzten Kaiser Westroms, Romulus Augustulus, 476 abgesetzt und selbst die Macht übernommen. Theoderich konnte Odoaker in drei Schlachten besiegen und zuletzt nach zweieinhalbjähri­ger Belagerung auch Ravenna erobern, von da an die Hauptstadt des Ostgotenreiches. Odoaker wurde bei einem Gastmahl von Theoderich ermordet.

Also das typische Chaos der Völkerwanderungszeit. Das große Römi­sche Reich, einst flächenmäßig größer als heute die USA, war in zwei Reiche zerborsten: Der Osten mit der Hauptstadt Konstantinopel (Byzanz) konnte sich noch ein Jahrtausend behaupten, doch der Westen mit Rom wurde zum Spielball rivalisierender Gruppen.

Auch das Reich der Ostgoten auf italienischem Boden konnte nicht dauern. Die Römer verachteten die „Barbaren”, welche nur 5 Prozent der Bevölkerung ausmachten, aber die politische und militärische Macht beanspruchten. Die schon mächtige katholische Kirche haßte die ari­anischen[1] Goten. Theoderich – dem Geschichtsschreiber den selte­nen Titel „der Große” verliehen – wollte seine Goten mit der römischen Kultur vertraut machen und sein Reich mit der Kirche versöh­nen. Doch kaum ein Römer wußte diese Anliegen zu schätzen. Selbst Theoderichs milde Steuerpolltik fand erst posthume Anerkennung, als die siegreichen Byzantiner das durch Krieg zerstörte Land aus­plünderten. Als Theoderich 526 verschied, waren Römer und Goten sich kaum näher gekommen, und die Katholiken glaubten, daß der ariani­sche König zur Hölle führe.

Die Goten selbst waren zerstritten. Es kamen Nachfolgekämpfe, die das Reich der Goten schwächten und den oströmischen Kaiser Justini­an I. (483-565) geradezu einluden, das römische Stammland zurück­zuerobern. Nachdem den Byzantinern 534 schon die Zerschlagung des Wandalenreiches in Nordafrika (Karthago) mit geringer Mühe gelun­gen war, eroberten sie in fast zwei Jahrzehnte dauernden harten Kämpfen auch Italien.

Bei national denkenden Chronisten ist der Heldenmut der stolzen Germanen, die nur durch Tücke und Verrat zu besiegen waren, ein vielfach ausgebreitetes Thema. Im Geschichtsunterricht sprach man von der „Erschlaffung der Germanen unter dem heißen Klima des Südens”. Eine merkwürdige Feststellung, wenn man bedenkt, wie Europäer mit unterschiedlichen Klimazonen zurecht kommen und sich in Südeuropa ebenso wohl fühlen wie in Kalifornien.

Einen entscheidenden Gesichtspunkt sucht man nämlich in den Ge­schichtsbüchern fast immer vergebens: Die Krankheiten, denen die Eindringlinge zum Opfer fielen. Und zwar nicht nur in der Antike oder im Mittelalter, sondern noch in der Neuzeit bis weit ins 19. Jahrhundert. Man denke nur an Westafrika als „das Grab des weißen Mannes”.

So hatten auch die Wandalen und die Goten entscheidende Verluste durch Krankheiten, und man muß heute davon ausgehen, daß in ihren Kriegen mehr Menschen ihre Leben durch Seuchen verloren als durch Feindeinwirkung: „Als in den Stürmen der Völkerwanderung Italiens Landwirtschaft zusammenbrach und immer weitere Flächen versumpften, wurde die Malaria zur weltweit gefürch­teten Beschützerin der Halbinsel gegen die von Norden anstürmenden Germanen und sonstigen Barbaren. So hatte die Malaria entscheidenden Einfluß auf den Untergang der Goten und Wandalen. Am bekanntesten ist das Schicksal des West­gotenkönigs Alarich (370-410), der sich 410 bei der Einnahme Roms eine Mala­riainfektion zugezogen haben dürfte, der er bei Cosenca erlag, als er gerade im Begriff war, nach Sizilien und Afrika überzusetzten. Auch Theoderich (456-526), König der Ostgoten, der sich das weniger verseuchte Ravenna zur Hauptstadt seines neugegründeten Reiches wählte, fiel der Malaria zum Opfer … Nur die Langobarden, die sich in einer gebirgigen Landschaft Oberitaliens niederließen, sind nicht der Malaria zum Opfer gefallen, da ihre Wahlheimat, in der damals noch kein Reisanbau betrieben wurde, von dieser Seuche frei war.”[2]

Ein weiteres Beispiel, das die in der Geschichtsbetrachtung vernachlässigte Rolle von Krankheiten verdeutlicht, zeigt sich durch die Inkas.

Die Geschichte des Inka-Reiches

Der Sage nach gründete um 1200 der legendäre Inka Mano Capac das Reich in der Gegend um Cuzco. Im 15. Jahrhundert Ausweitung des Reiches, das schließlich im Norden bis zum Rio Ancasmayo, im Süden bis zum Rio Maule reichte, also über eine Nord-Süd-Ausdehung von 4000 Kilometer. Eine straffe Organisation und ein gut ausgebautes Straßennetz halfen das Reich zusammenzuhalten. Man verwendete keine Räderfahrzeuge, keine Pferde; Nachrichten wurden von Läufern überbracht.

Nach dem Tod Huayna Capacs (1527) kam es zum Erbfolgekrieg zwischen dessen Söhnen Huascar und Atahualpa. Letzterer ging 1432 als Sieger aus diesen Kämpfen hervor.

Die 1431 gelandeten Spanier unter Francisco Pizarro (1478-1541) konnten das Reich der Inkas schnell erobern, da es durch den Krieg geschwächt war und andere indianische Ethnien (zum Beispiel Canari, Huanca) sowie ehemalige Anhänger Huascars sich mit ihnen verbündeten, um die inkaische Vorherrschaft, beziehungsweise die Herrschaft Atahualpas abzuschütteln.

Der von Pizarro eingesetzte Inka Mano Capac organisierte 1536 einen Aufstand gegen die Spanier und errichtete in der Gebirgsregion von Vilcamba ein Schattenkönigreich, bis 1572 der letzte Herrscher, Tupac Amaru I., gefangen genommen und hingerichtet wurde.

Quelle: Brockhaus Enzyklopädie, 20. Aufl., Leipzig/Mannheim 1997

Vom Untergang der Inkas

In Europa, besonders in Deutschland, haben Indianer eine gute Presse. Ihre Zivilisationsstufe wird oft fälschlich höher eingeschätzt als die der Afrikaner südlich der Sahara. Während zum Beispiel die Metallverarbeitung im präkolumbianischen Amerika auf Kupfer, Silber, Zinn und Gold beschränkt blieb, also auf Metalle, die gediegen vorkommen, wurde in Schwarzafrika längst Eisen erschmolzen. Auch gab es dort Hochkulturen, deren Königreiche keinen Vergleich mit indianischen Reichen zu scheuen haben.

Doch im allgemeinen Bewußtsein genießen beispielsweise die Azteken und besonders die Inkas hohes Ansehen. Bewunderung für dieses Volk kommt zum Beispiel in der folgenden Schilderung zum Ausdruck, die vielleicht auch die öffentliche Meinung beeinflußte:

„… an der Westküste Südamerikas wohnte einst ein bewundernswürdiges Volk, das unter gerechten und geliebten Königen an Macht und Bildung hoch dastand. Zu dem führenden Stamm gesellten sich einige umwohnende Völker, und im Lauf der Zeiten blühte hier das mächtigste Reich und die höchste Kultur Südamerikas empor … ein Land, dessen unschuldige Träume von Europäern, den Spaniern, zerstört und vernichtet wurden.

Die frühesten Geschicke des Inkavolkes verschwinden im Dunkel der Sage. Genauer aber kennen wir die Staatseinrichtungen, denn die spanischen Eroberer haben ja alles mit eigenen Augen gesehen. Die Verfassung war durchaus kommunistisch. Grund und Boden, Äcker und Weiden waren in drei Teile geteilt; zwei davon gehörten dem Inka[3] und der Priesterschaft, und einer war Eigentum des Volkes. Der angebaute Boden stand unter der Aufsicht besonderer Regierungsbeamten, die für die nötige Düngung mit Guano von den Inseln der Westküste und für die gerechte Verteilung des Ertrages zu sorgen hatten. Auch Kleidungsstücke und Haustiere wurden von Staats wegen unter dem Volke verteilt. Alle Arbeiten wurden gemeinsam zum Wohl der Gesamtheit ausgeführt; man baute Brücken und Landstraßen, legte Bergwerke an, schmiedete Waffen, und wenn feindliche Stämme den Frieden bedrohten, rückte alle waffenfähige Mannschaft ins Feld …

In ungestörter Ruhe lebte das Inkavolk in seinen schönen Tälern und auf seinen von der Sonne überfluteten Hochebenen zwischen den Korrelieren der Anden. Wenn hier und da kriegerische Nachbarstämme einmal den Frieden störten, ging das Aufgebot in Knotenschrift durch das ganze Reich, und die Heerstraßen füllten sich mit Bewaffneten …

Da starb im 16. Jahrhundert ein großer Inka und hinterließ die Herrschaft seinen beiden Söhnen Huascar und Atahualpa. Wie in der alten Welt, führte auch hier diese Teilung zum Zwist und schließlich zum offenen Bruderkrieg. Diese inneren Kämpfe teilten das Inkavolk in zwei feindliche Hälften und schwächten es so, daß es zur leichten Beute eines fremden Eroberers wurde …

Im Jahre 1531 stand Pizarro an der Spitze einer aus hundertachtzig gutbewaffneten Reitern bestehenden Schar, mit der er aufs neue nach Südamerika aufbrach. Nach und nach erhielt er noch Verstärkungen, landete nun im November 1532 an der peruanischen Küste und zog in das Reich des Inka hinauf.

Durch Kundschafter und Gesandte war Pizarro bald genau über die Lage der Dinge informiert. Mit den schönsten Versicherungen schläferte er den Argwohn des Atahualpa, des einen Inka, so völlig ein, daß dieser ihn sogar um die Unterstützung gegen seinen Bruder Huascar bat. Wären die Brüder einig gewesen, so hätten sie mit Leichtigkeit die spanische Pest aus dem Landes gejagt. Ihr Zwist aber besiegelte beider Schicksal.

Man vereinbarte, daß Atahualpa sich in eigner Person im Lager des Pizarro einfinden sollte. Und er kam mit großem Pomp und brachte eine Armee von dreißigtausend Mann mit! Hochaufgerichtet saß er auf einer goldenen Tragbahre, und alle seine Feldherrn umgaben ihn. Aber wenn er glaubte, dadurch seinem neuen Verbündeten einen hohen Begriff von seiner Macht beizubringen, hatte er sich verrechnet. Auf ihn zu trat Pizarros Feldprediger, in der einen Hand das Kruzifix, in der anderen das Brevier, und das Kruzifix erhebend, ermahnte der Pater im Namen Jesu den Inka, das Christentum anzunehmen und den König von Kastilien als seinen Herrn anzuerkennen.

Atahualpa antwortete ruhig, daß niemand ihn der Rechte berauben könne, die er von seinen Ahnen geerbt habe. Er wolle den Glauben seiner Väter nicht abschwören und verstehe nicht, was der Pater sage.

,Hier in diesem Buch steht es geschrieben!’ rief der Priester aus, indem er dem König das Brevier hinreichte.

Atahualpa hielt das Buch ans Ohr und sagte dann, es auf den Boden werfend: ‚Euer Buch spricht ja nicht!’

Das war die Losung zu einem furchtbaren Blutbade. Die Kanonen und Musketen der Spanier pflügten rote Furchen in das Heer der Peruaner. Im Schutz ihrer stählernen Helme und Panzer rannten die wilden Reiterhaufen durch die Reihen der halbnackten Eingeborenen und verbreiteten Verwirrung und Schrecken um sich her …”[4]

Das höchste je gezahlte Lösegeld

Aus dem Tagebuch des Fray Celso Gargia: „Es war Atahualpa nicht entgangen, wie sehr die Spanier das Gold liebten. Und eines Tages schlug er Pizarro einen Handel vor: seine Freiheit gegen Gold, gegen viel Gold. Er verpflichtete sich, einen Raum, der 17 Fuß breit, 22 Fuß lang und 9 Fuß hoch war, zur Gänze mit Gold anfüllen zu lassen und dazu noch zwei kleinere Räume mit Silber. Dafür verlangte er zwei Monate Zeit.

Pizarro überlegte nur kurz. Wenn er weiter vorrückte, konnte es sein, daß die Indianer, die nun wußten, daß die Spanier hinter dem Gold her waren, alles versteckten, was wertvoll war …

Nun sandte der Inkaherrscher sofort Boten nach Cuzco und den anderen Städten des Reiches, mit dem Befehl, alles Gold und alles Silber, das sich in den königlichen Palästen und Tempeln befand, unverzüglich nach Caxamalca zu bringen, Dabei drohte er allen den Tod an, wenn sie nicht rasch handelten …

Tag für Tag brachten die indianischen Träger Gold- und Silbergerät. Dennoch wuchsen die Haufen in den Räumen, die bis zur Decke gefüllt wurden, nur langsam. Gold gab es genug in Peru, aber auch die Entfernungen waren groß. Manche Träger benötigten vier Wochen, ihre schwere Last nach Caxamalca zu schleppen …

Pizarro beschloß nun … das Gold aufzuteilen. Vorher mußte es eingeschmolzen werden. Diese Arbeit wurde indianischen Goldschmieden übertragen, die nun das zerstören mußten, was sie kunstvoll angefertigt hatten. Es waren dies Becher, Kannen, Teller, Vasen, Geräte für Tempel und königliche Paläste, Nachahmungen verschiedener Tiere und Pflanzen und Platten zur Bekleidung von Wänden. Das schönste Stück war ein goldener Springbrunnen, auf dessen Rand silberne Vögel saßen …”

Literatur: Gargia, Celso: „Die Eroberung von Peru”, Horst Erdmann, Tübingen 1975

Der Inka wurde gefangen, und auch das höchste je erpreßte Lösegeld brachte ihm keine Freiheit.

Die einzigartige Geschichte der Eroberung des sagenhaften Goldlandes ist allgemein bekannt. Selten findet sich jedoch eine Antwort auf die Frage, wie es möglich war, daß ein Großreich mit vielen Millionen Einwohnern und zigtausenden von Kriegern von weniger als 300 Spaniern mit nur einigen Dutzend Pferden erobert werden konnte.

Die moderne Forschung beschreibt das Reich der Inkas anders als der zitierte Bericht von Sven Hedin (1865-1952). Das einzige Imperium in Altamerikas Geschichte war eine strenge Diktatur, die den eroberten Völkern nicht nur Vorteile brachte. Die Steuerlast war drückend – 2/3 für den Inka und die Tempel, 1/3 für den Bauern -, und die zementierte Religion bot herrschsüchtigen Priestern fette Pfründen. Aber damit ist noch nicht erklärt, wieso sich das mächtige Volk der Inkas – von einigen Aufständen abgesehen – den brutalen Eroberern fast widerstandslos unterwarf und sich dem Gott der grausamen Weißen willig beugte.

Der Bruderkrieg, der das Inkareich schwächte, hat natürlich zu seinem schlagartigen Zusammenbruch beigetragen. Doch der wohl wesentliche Gesichtspunkt wurde in den Geschichtsbüchern nicht erwähnt:

Denn den Spaniern half eine tödliche „Geheimwaffe”: die Pocken. Diese von den Spaniern eingeschleppte Seuche breitete sich bereits vor der Zerstörung des Aztekenreiches in Südamerika aus. In Mexico war ihr fast die Hälfte der Bevölkerung zum Opfer gefallen, und 1525 oder 1526 erreichten die Pocken auch das Inkareich:

„Die Folgen waren dort genauso verhängnisvoll. Der regierende Inka starb fern der Hauptstadt während eines Feldzuges. Sein designierter Nachfolger starb ebenfalls und hinterließ keinen legitimen Erben. Der Bürgerkrieg entbrannte, und inmitten dieses in Scherben fallenden politischen Gebildes des Inkareiches marschierten Pizarro und seine rauhen Spießgesellen 1532 nach Cuzco und plünderten die Schätze der Hauptstadt. Er traf dabei auf keinerlei ernsthaften militärischen Widerstand.

So zogen die Pocken überall vor den Konquistadoren her und halfen ihnen, mit einer Handvoll verwegener Gesellen die „terra nuova” zu erobern. Die erstaunliche Tatsache, daß es den Spaniern gelang, den Eingeborenen von Mexico und Peru auch ihre Religion aufzuzwingen, läßt sich durch die psychologische Wirkung der mörderischen Seuche erklären, die nur Indianer tötete und die Spanier verschonte. Die Indianer konnten nicht wissen, daß die Spanier in ihrer Heimat als Kinder die Krankheit überstanden hatten und daher immun waren. Da die Indianer das Seuchengeschehen ebenso wie die Spanier für eine Strafe Gottes hielten, konnten sie sich die einseitige göttliche Gunst ihrer Besieger nur so erklären, daß deren Götter mächtiger seien. Das Ergebnis war ihre Bekehrung und fassungslose Ergebenheit in die spanische Überlegenheit, das einer widerstandslosen Unterwerfung gleichkam.”[5]

Weder die Inkas noch die Spanier kannten die mikrobiologischen Ursachen von Seuchen; beide wußten nicht mehr als das Alte Testament, das zum Beispiel in 1. Sam. 5, 6 oder 2. Sam. 24, 15 in Pestepidemien Strafen Gottes verkündet. Kaum überraschend, daß die Spanier Gott auf ihrer Seite glaubten, der ihnen auf wunderbare Weise half, das Unmögliche zu leisten, während die verstörten Indianer in ihrer Verzweiflung Zuflucht bei dem stärkeren Gott, dem Christengott suchten; in der Hoffnung, dieser würde sie – wie die Spanier – vor der grauenhaften Seuche schützen.

Literatur:

Engler, Aulo „Theoderich der Große”, VGB, Berg, 1998

Hampe, Karl: „Herrschergestalten des deutschen Mittelalters”, Quelle & Meyer, Heidelberg, 1955

Jung, Ernst F.: „Die Germanen”, Weltbild, Augsburg, 1994

McNeill, Wilhelm H.: „Seuchen machen Geschichte”, Udo Pfriemer, München, 1978

Prescott, W.H.: „Geschichte der Eroberung von Peru”, Leipzig, 1958

Wolfram, Herwig: „Die Goten”, Ch. Beck, München, 1990

 „Inka – ein Mythos stürzt”, Bild der Wissenschaft, 11/99, DVA, Stuttgart


[1] Arianismus: Christliche Lehre, benannt nach Arius (griech. Areios, 280-336), Presbyter (Priester/Bischof) in Alexandria. Im Konzil zu Nizäa (325) wurde die Lehre des gemäßigten Arianismus verurteilt, derzufolge Christus wesensähnlich (griech. homoousios) mit Gott sei, wogegen die offizielle Kirche, besonders vertreten durch Athanasius (295-373) darauf bestand, daß Gott‑Vater und Sohn wesensidentisch (griech. homousios) seien. Unter Theodosius dem Großen (346-395), der die katholische Lehre beim 2. Ökumenischen Konzil zu Konstantinopel 381 zur Staatsreligion erhob, wurden die Arianer zu Ketzern erklärt. Die zur Zeit der Völkerwanderung in das Römische Reich eindringenden Germa­nen hatten das Christentum in der arianischen Form übernommen, die sich bei den Langobarden bis ins 7. Jahrhundert hielt. Im Gotengebiet missionierte besonders der gemäßigte Arianer Wulfila (Ulfilas, 311-282), der auch die Bibel ins Gotische übersetzte.

[2] Vgl. Winkle, Stefan: „Geißeln der Menschheit”, Artemis & Winkler, Düsseldorf, 1997, Seite 729 f.

[3] Der König hieß Inka.

[4] Zitiert aus: Hedin, Sven: „Von Pol zu Pol” Bd. 3, F. A. Brockhaus, Leipzig, 1922, Seite 197 f.

[5] Zitiert aus: Winkle, Stefan: „Geißeln der Menschheit”, Artemis & Winkler, Düsseldorf, 1997, Seite 859.