Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Ein Prophet des Massenzeitalters

(Veröffentlicht in GralsWelt 36/2005)

Zum zweihundertsten Geburtstag vom Alexis de Tocqueville am 29. Juli 2005
Unbeschwerte Kindheit
Am 29. Juli 1805 (das Jahr der Schlacht von Austerlitz) wird Alexis-Charles-Henri-Clérel, Comte des Tocqueville geboren. Er ist ein vom Schicksal begünstigtes Kind, ein Grafensohn, der in einem Schloß in der Nähe von Paris aufwächst, und wenig von den Wirren der Zeit zu spüren bekommt, die seine Eltern um ein Haar das Leben gekostet hätten.
Elf Jahre und einen Tag vor seiner Geburt wurde Robespierre hingerichtet, nach dessen Schreckensherrschaft Tocquevilles Eltern, Hervé und Louise, aus der Gefangenschaft in Paris befreit wurden, die für sie, als Angehörige des höheren Adels, so gut wie unausweichlich auf der Guillotine enden würde.
Die Familie Tocqueville kann die Schrecken der Revolution nicht vergessen, bleibt den Bourbonen als rechtmäßigem Herrscherhaus zugetan, und Alexis wird sich der Bedeutung Napolens erst bewußt, als sich nach dessen Sturz die alte Ordnung wieder etabliert. Alexis’ Vater steht zwar auf der Seite der Restauration, der er als Präfekt dient, doch er befürwortet nicht unkritisch das Ancien Régime mit seinen moralischen Verfall.
Reise nach Amerika
Alexis de Tocqueville absolviert die für seinen Stand typische Ausbildung, wird 1827 Richter und bildet sich weiter.
Dann kommt die Juli-Revoultion des Jahres 1830, der Sturz des Bourbonenkönigs Karl X., und die Machtübernahme des Bürgerkönigs Louis Philippe . Die Tocquevilles sind enttäuscht von der Feigheit der Bourbonen, die sich fast widerstandslos von der Macht verdrängen ließen, sehen aber in Louis Philippe weniger einen Retter als einen Verräter.
Alexis bereitet der von ihm verlangte Eid auf die neue Regierung Gewissensqualen; er quittiert seinen Dienst, und entschließt sich im Jahre 1831, zusammen mit seinem Freund Gustave de Beaumont (1802-1866), Amerika zu besuchen. Vordergründig geht es um das Studium des Gefängniswesens der Vereinigten Staaten. Doch das Ergebnis der einjährigen Reise durch die die östlichen Staaten, bis an die großen Seen und den mittleren Westen, wird ein Bestseller, der Tocqueville im Jahre 1835 fast über Nacht berühmt macht: “Die Demokratie in Amerika”.
Danach wurde Tocqueville ein Abgeordneter, der in der Deputiertenkammer am 29. Januar 1848 vor der herannahenden Februar-Revolution warnte: “Fühlen Sie nicht mit einer Art instinktiver Intuition, die nicht erklärt werden kann, aber untrüglich ist, daß der Boden Europas aufs Neue erzittert ?” (1, S. 143). Schließlich wurde er in ein Ministeramt berufen und schrieb historische Werke. Doch seinen Namen würden heute nur noch Spezial-Historiker kennen, gäbe es nicht sein Aufsehen erregendes Werk:
Die Demokratie in Amerika
Diese Studie eines scharfblickenden Beobachters mit untrüglichem Gefühl für politische Strömungen, kann noch heute helfen, den Charakter der ersten demokratischen Republik der Neuzeit, wie der Demokratien überhaupt, zu verstehen.
Lesen wir selbst:
Tocqueville als Demokrat:
“Angesichts meiner felsenfesten Überzeugung, daß die demokratische Revolution, deren Zeugen wir sind, eine unwiderstehliche Tatsache ist, gegen die anzukämpfen weder wünschenswert noch klug ist, wird man vielleicht erstaunt sein, daß ich in diesem Buch recht ernste Worte an die Demokratie richte, die dieser Revolution ihre Entstehung verdankt. Die Antwort ist einfach: Ich wollte aufrichtig zur Demokratie sein, gerade, weil ich alles andere denn ihr Feind bin. Von seinen Feinden nimmt der Mensch die Wahrheit nicht an, von seinen Freunden hört er sie selten; deshalb habe ich sie gesagt. Ich war der Ansicht, daß sich viele damit befaßten, die Vorteile zu verkünden, die die Gleichheit dem Menschen verspricht, daß aber wenige es wagten, entfernt die Gefahren aufzuzeigen, durch die sie ihn bedroht. Ich habe deshalb mein Augenmerk vor allem auf die Gefahren gerichtet, und da ich glaubte, sie klar zu sehen, war ich nicht so feig, sie zu verschweigen…(2, S. 56)
Zum Selbstverständnis der amerikanischen Bürger:
“Die Amerikaner nehmen an allem teil, was in ihrem Land geschieht, und glauben deshalb alles verteidigen zu müssen, was man an ihnen kritisiert. Denn man greift ja damit nicht ihr Vaterland, sondern sie selbst an…” (2, S. 152)
Führerschaft in der Demokratie:
“Ich gebe gerne zu, daß die Masse der Bürger das Wohl des Landes aufrichtig will; ich gehe sogar weiter und sage, daß die unteren Klassen der Gesellschaft mir im allgemeinen mit diesem Wunsch weniger Berechnungen des persönlichen Interesses zu verbinden scheinen als die oberen Schichten. Aber was ihnen mehr oder weniger immer fehlen wird, ist die Kunst, die Mittel richtig zu beurteilen, auch wenn sie ehrlich den richtigen Zweck wollen. Welch genaues Studium, welch vielerlei Begriffe sind nötig, um sich ein genaues Bild vom Wesen eines einzigen Mannes zu machen! Die größten Geister irren sich hier, und der Menge sollte das gelingen! Das Volk findet niemals die Zeit und die Mittel, sich dieser Arbeit zu widmen. Es wird immer gezwungen sein, hastig zu urteilen und sich dem anzuschließen, was ihm am meisten in die Augen springt. Daher kommt es, daß Scharlatane jeder Art so gut das Geheimnis kennen, ihm zu gefallen, während seine wirklichen Freunde dabei scheitern.” (2, S. 144/45)
Zum Thema Diktatur:
“Es gibt nichts so unwiderstehliches wie die Herrschaft eines Tyrannen ‘im Namen des Volkes'; denn ausgestattet mit der moralischen Kraft, die im Willen der größeren Zahl nun einmal liegt, handelt sie gleichzeitig mit der Entschiedenheit und Hartnäckigkeit eines Mannes…
Echte Demokratien dagegen zeigen sich im Augenblick der Krise oft schwach. Das Volk, umgeben von Schmeichlern, kann sich nur schwer überwinden. Jedesmal, wenn man von ihm erreichen will, daß es sich selbst eine Einschränkung oder einen Zwang auferlegt – und sei es auch für einen Zweck, dessen guten Grund es wohl einsieht – weigert es sich zunächst fast immer.” (2, S.149)
Steuerlast:
“Das bedeutet allerdings wieder nicht, daß die Demokratie in allem sparsamer und damit die Steuerlast in der Demokratie geringer sei als bei anderen Formen der Staatsführung. Im Gegenteil: Da die Steuerlast hauptsächlich von den Reichen getragen wird, die armen Volksschichten aber meist die Mehrheit und damit den entscheidenden Faktor in der Demokratie bilden, ist die Demokratie die einzige Staatsform, in der der, der über die Steuern beschließt, der Verpflichtung entgeht, sie zu zahlen…
Deshalb, ferner wegen der viel größeren öffentlichen Ausgaben eines demokratischen Staates und aus verschiedenen anderen Gründen, ist die demokratische Staatsführung oft kostspieliger als jede andere…(2, S. 147)
Einschränkung der Freiheit durch die Bürokratie:
“Nachdem der Staat so allmählich jedes Individuum in seine machtvolle Hand genommen und nach seiner Art geformt hat, beginnt er die Gesellschaft als Ganzes mit seinen Armen zu umfassen. Er bedeckt ihre Oberfläche mit einem Netz kleiner und verwickelter, kleinlicher und gleichförmiger Normen, durch die selbst die geistvollsten Köpfe und die kraftvollsten Herzen nicht mehr ans Tageslicht durchdringen können, um der Masse zu entrinnen. Er bricht nicht den Willen, aber er schwächt ihn, beugt ihn und lenkt ihn. Er zwingt nur selten zum Handeln, doch er widersetzt sich ständig jedem selbständigen Handeln. Er zerstört nicht, doch er verhindert, daß Neues entsteht; er tyrannisiert nicht, aber er stört, behindert, engt ein, entkräftet, dämpft und stumpft ab und läßt schließlich jedwedes Volk zu einer Herde furchtsamer und fleißiger Lebewesen verkümmern, deren Hirte die Regierung ist.
Diese Art der geregelten, freundlichen und friedlichen Knechtschaft, die ich gezeichnet habe, läßt sich, das war stets meine Ansicht, besser als man glaubt, mit einigen äußeren Formen der Freiheit verbinden, und es wäre ihr keineswegs unmöglich, sich selbst im Schatten der Volkssouveränität einzunisten.” (2, S. 234)
Am besten besorgen Sie sich selbst eine Ausgabe von Tocquevilles “Demokratie” (die alle Politiker, aber auch die Wähler kennen sollten), lesen weiter und staunen über die Weitsicht dieses französischen Juristen, Politikers, Historikers.
Literatur:
(1) Pisa, Karl: “Alexis de Tocqueville”, Piper, München, 1986
(2) Tocqueville, Alexis Clerel de, “Die Demokratie in Amerika”, Josef Habbel, Regensburg, 1955