Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Ein Buch verändert die Welt

(veröffentlicht in GralsWelt 38/2006)

Zum März 2006 

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gewann eine Vielzahl neuer Ideen an Einfluß, die vieles relativierten, das bislang als selbstverständlich oder als gottgegeben hingenommen wurde: Durch die Philosophie der Aufklärung kamen neuartige Denkansätze. Diese stellten zum Beispiel die Bibel und in der Folge die Religionen in Frage, rüttelten an seit Jahrhunderten festgefahrenen Herrschaftsstrukturen, und lieferten das ideologische Rüstzeug für Aufstände gegen die herrschenden Kasten oder die Revolutionen des 18., 19. und 20. Jahrhunderts. Dabei wurden so ziemlich alle Bereiche des menschlichen Lebens aus der neuen Sicht der Dinge durchleuchtet, und Gedanken, Ideen, Theorien verbreiteten sich, die noch heute unser Leben beeinflussen. Auch der Begriff der „Freiheit” wurde neu interpretiert. Aus dem gehorsamen Untertanen wurde – zunächst nur in der Theorie – der „freie Bürger”, der sein Leben selbständig gestalten sollte. Der fast allmächtige Staat, der – zusammen mit der Kirche – seit Jahrhunderten alle Belange des Lebens bestimmte und lenkte, sollte zurücktreten, seine Eingriffe auf das Nötigste beschränken, und der Eigeninitiative den größtmöglichen Freiraum lassen.
Vom Wohlstand der Nationen
Im März 1776 – also vor nunmehr 230 Jahren – erschien in London eines der einflußreichsten Bücher der Neuzeit. Es veränderte das wirtschaftliche Denken, wurde zur Grundlage der klassischen Nationalökonomie, und wirkt bis heute nach: „An inquiry into the nature and causes of the wealth of nations” (Untersuchung über die Natur und die Ursachen des Reichtums der Nationen). Verfasser war ein Professor der Moralphilosophie der Universität Glasgow (seit 1751), der schon einige Jahre zuvor (1767) eine „Theorie der Gefühle” (The Theory of Moral Sentiments) veröffentlich hatte: Adam Smith (1723-1790). Manche Autoren sehen diese beiden Werke im Zusammenhang, andere konzentrieren sich auf den „Wohlstand der Nationen”.
Adam Smith
Der Verfasser dieser Werke lebte in einer Zeit des Umbruchs: Die Alleinherrschaft der Katholischen Kirche war durch die Reformation und die Gründungen evangelischer Landeskirchen gebrochen. Die Staaten emanzipierten sich von religiösen Leitlinien, das nationalstaatliche Denken verdrängte übernationale Bindungen an die Fürstenhäuser, und die Philosophie der Aufklärung begann alle Bereiche menschlichen Denkens und Handelns zu beeinflussen.
Auch die Ökonomie veränderte sich: Die feudale Gesellschaft des Mittelalters hatte sich gewandelt (zumindest in West- und Mitteleuropa), und die Wirtschaft zur Zeit Adam Smith’ folgte den Leitlinien des „Merkantilismus”, der den Staat und dessen Interessen in den Mittelpunkt wirtschaftlichen Denkens stellte. Der vermehrte Finanzbedarf der absolutistischen Staaten für Hofhaltung, Beamtenschaft, Heer, Marine verlangte eine Steigerung der Wirtschaftskraft. Dazu sollten staatliche Eingriffe in die Wirtschaft wie Zölle, Import- bzw. Export-Verbote, Gründung staatseigener Manufakturen und sonstige obrigkeitlichen Maßnahmen dienen.
Adam Smith schien diese, auf dem Egoismus der Staatslenker begründete Ökonomie nicht dazu angetan, den allgemeinen Wohlstand bestmöglich zu fördern.
Eine neue Ökonomie
Der einseitig auf die Interessen absolutistischer Staates fokussierten merkantilistischen Wirtschaftsweise setzte Adam Smith die Idee der Freiheit, der Selbständigkeit jedes Einzelnen entgegen, die bis in unsere Zeit Kernpunkt liberaler Wirtschaftstheorien geblieben ist, und die heute wieder als Rechtfertigung für die Globalisierung herhalten muß.
Sein umfangreiches ökonomisches Werk umfaßt viele Gebiete, aus denen wir einige der wichtigsten seiner Gedanken kurz erwähnen müssen:
Arbeitsteilung:
Ein bedeutender Beitrag zur Steigerung des Reichtums ist das Konzept der Arbeitsteilung, ohne die die Produktivität und damit der Wohlstand nicht wesentlich gefördert werden kann.
Dabei erkennt der Moralphilosoph bereits, daß Spezialisierung und die damit einhergehende Monotonie der Arbeit die geistigen und psychischen Fähigkeiten des Menschen möglicherweise verkümmern läßt. Ein wirksames Mittel gegen diese Entfremdung des Menschen von sich selbst sieht Smith in einer öffentlich geförderten Erziehung und Bildung: „Denn je gebildeter die Bürger sind, desto weniger sind sie Täuschungen, Schwärmerei und Aberglauben ausgesetzt, die in rückständigen Ländern häufig zu den schrecklichsten Wirren führen. Außerdem ist ein aufgeklärtes und kluges Volk stets zurückhaltender, ordentlicher und zuverlässiger als ein unwissendes und ungebildetes.” (3, S. 667) Er verteidigt sogar „public shows”, um die Eintönigkeit des Alltags zu mildern und so die Menschen vor religiösen und politischen Rattenfängern zu schützen.
Das Gleichgewicht des Marktes
Adam Smith unterscheidet zwischen dem natürlichen Preis einer Ware, der ausreicht um die Kosten (Grundrente, Arbeitslohn, Kapitalgewinn) zu bezahlen, und dem Marktpreis. Letzterer wird dann – je nach Angebot und Nachfrage – um den natürlichen Preis pendeln, sofern nicht andere Einflüsse, z. B. Monopole, den Markt verzerren. Die vom modernen Geld-Kapitalmarkt verursachten Verzerrungen konnte er nicht anprangern, da es diesen in seiner globalen Form von heute noch nicht gab.

Der Tricle Down Effect:
Die Idee dieses „Versickerungs-Effektes” geht zurück auf Adam Smith (1723-1790) und David Ricardo (1772-1823). Beide glaubten an das Gute im Menschen und konnten sich die Geld- und Machtgier nicht vorstellen, die heute die Wirtschaft dominiert. Jean Ziegler schreibt dazu:
„Für Ricardo und Smith gibt es eine objektive Grenze der Akkumulation von Reichtümern. Sie ist an die Befriedigung von Bedürfnissen gebunden. Das Theorem gilt für Einzelpersonen wie für Unternehmen.
Nehmen wir als Beispiel Einzelpersonen. Da besagt das Theorem: Sobald die Vermehrung von Reichtum ein bestimmtes Niveau erreicht, erfolgt seine Verteilung an die Armen fast von selbst. Da die Reichen nicht konkret einen Reichtum genießen können, der die Befriedigung ihrer Bedürfnisse (so kostspielig und ausgefallen sie sein mögen) zu sehr übersteigt, werden sie selbst zu dessen Umverteilung schreiten.
Kurz gesagt, ab einer bestimmten Höhe des Reichtums akkumulieren die Reichen keine Reichtümer mehr ….
Ich halte diese Idee für irrig. Warum? Weil Ricardo und Smith die Akkumulation an Bedürfnisse und Gebrauch knüpfen. Doch für einen Milliardär hat Geld nichts – oder sehr wenig – mit der Befriedigung von Bedürfnissen zu tun, und seien sie noch so luxuriös. Daß ein Pharao nicht auf sechs Yachten gleichzeitig segeln, zehn Villen pro Tag bewohnen oder 50 Kilogramm Kaviar auf einmal verspeisen kann, ist letztlich bedeutungslos. Das hat nichts mit Gebrauch zu tun. Geld produziert Geld. Geld ist ein Herrschafts- und Machtmittel. Der Wille zur Herrschaft ist unausrottbar. Er kennt keine objektiven Grenzen.” (7, S. 72/73)

Lohn, Gewinn, Rente
Bei der Diskussion um diese drei Einkommensarten geht Smith davon aus, daß Löhne vereinbart werden und plädiert für eine Legalisierung der Arbeiterorganisation, für Arbeitsschutz und hohe Löhne. Damit will er das „eherne Lohngesetz” (vergl. Kasten) durchbrechen.
Die Bodenrente ist der Preis für die Nutzung von Grund und Boden, den z. B. ein Pächter bezahlen muß. Adam Smith unterscheidet dabei zwischen Bodenprodukten, die immer eine Rente einbringen (Landwirtschaft) und solchen, die nur zuweilen eine Rente abwerfen (Steinbruch, Bergwerk etc.).
Gewinn ist der Kapitalgewinn, der sich am besten im Zins ausdrückt .
Was später als „ehernes Lohngesetz” bezeichnet wurde, heißt bei Adam Smith „natürliche Lohnrate” und ist der Wert der Existenzmittel des Arbeiters und seiner Familie. Dieser setzt sich zusammen aus den Grundbedürfnissen zuzüglich kulturspezifischer Bedürfnisse, die beide zu Adam Smith’ Zeiten sehr bescheiden waren.
Als Moralphilosoph tritt er für den einfachen Menschen ein, für die Verbesserung des Loses der „working poor”. Er idealisiert weder die Arbeit oder den Arbeiter, noch verdammt er den Unternehmer. Gut und böse sind aus seiner Sicht in allen Schichten ziemlich gleich verteilt.

Das eherne Lohngesetz:
Ferdinand Lassalle (1825-1864), Gründer der sozialdemokratischen Bewegung in Deutschland, prägte 1863 den Ausdruck „ehernes Lohngesetz” für einen von Anne Robert Jacques Turgot (1727-1781), mit dem Adam Smith befreundet war, publizierten Gedanken:
„Der einfache Arbeiter, der nichts weiter hat als die Kraft seiner Arme und seinen Arbeitsfleiß, kommt nur zu etwas, insoweit es ihm gelingt, seine Arbeitsmühe an andere zu verkaufen. Er verkauft sie mehr oder weniger teuer; aber dieser mehr oder weniger hohe Preis hängt nicht von ihm allein ab: Er ergibt sich aus der Vereinbarung, die er mit dem macht, der seine Arbeit bezahlt. Dieser bezahlt sie so wohlfeil wie möglich; da er die Wahl zwischen einer großen Anzahl von Arbeitern hat, zieht er den vor, der am billigsten arbeitet. Die Arbeiter sind also genötigt, den Preis zu senken, indem sie sich gegeneinander ausspielen. So muß es bei jeder Arbeit dahinkommen, und es kommt in der Tat dahin, daß der Lohn des Arbeiters sich auf das beschränkt, was er für die Beschaffung seiner Subsistenz braucht.” (6, S. 99)
In der Zeit des Wirtschaftswunders nach 1949 galt das eherne Lohngesetz durch sozialstaatliche Maximen, Gewerkschaften usw. als überholt. Im jetzt angebrochenen Zeitalter der Globalisierung, der (fast) schrankenlosen „wirtschaftlichen Freiheit”, wo das Kapital dorthin fließt, wo die höchsten Renditen locken, scheint dieses Schreckgespenst erneut sein Haupt zu erheben.

Freiheit des Handels
Ein freier Handel läßt in jedem Land die Wirtschaftszweige florieren, für die das Land prädestiniert ist, und die dementsprechend günstig produzieren können. Hungersnöte würden so gemildert, Handelskriege überflüssig, und durch die internationale Abhängigkeit sogar der Weltfrieden gesichert.
Die Handelsfreiheit ist aber „nur schrittweise und mit großer Zurückhaltung und Umsicht anstatt abrupt … einzuführen. Denn eine schlagartige Aufhebung der hohen Zölle und Einfuhrverbote könnte zu einer so raschen Überflutung des Inlandsmarktes führen … daß sich von heute auf morgen tausende unserer Landsleute ihres Arbeitsplatzes und ihres Lebensunterhaltes beraubt sehen.” (3, S. 383)

Die Bedeutung des großen Schotten

Adam Smith war kein Theoretiker, der im elfenbeinernen Turm seine Gedanken spann. Er hatte solide Geschichtskenntnisse, analysierte die historischen wirtschaftlichen Zusammenhänge, und er war sich der Natur des Menschen bewußt: Dem Streben jedes Einzelnen nach wirtschaftlichem Gewinn und gesellschaftlichem Erfolg.
Als Optimist erwartete Smith, daß die Gesetze des Marktes dafür sorgen würden, daß das persönliche Erfolgsstreben jedes Individuums auch der Gemeinschaft nützt.
Als Moralphilosoph glaubte er an das Gute im Menschen, was andererseits dem Realismus seiner Analysen keinen Abbruch tat. Die Kräfte, die heute unsere Wirtschaft lenken, konnte er sich nicht vorstellen. (Vergl. Kasten „Der Tricle Down Effect”)
Sein Übersetzer Claus Recktenwald würdigt ihn mit folgenden Worten:
„Faszinierend ist auch die Antwort geblieben, die uns Adam Smith überlassen hat: Es ist unter von ihm eindeutig beschriebenen (von anderen aber später gern übergangenen) Bedingungen durchaus möglich, persönliche Freiheit und wirtschaftliche Leistung mit sozialer Koexistenz auf einem weiten Feld menschlichen Lebens auf friedliche Weise in Einklang zu bringen, ja, sie zum Wohle des Gemeinwesens mit einander zu versöhnen. Hier liegt sein unverlierbarer Beitrag zum Verständnis unseres Zusammenlebens. Es ist eine friedliche Botschaft also, die im schroffen Gegensatz zur Dialektik und zum inhumanen Klassenkampf bei Karl Marx steht, obwohl dessen Ideen stark, wenn auch verdreht von Adam Smith beeinflußt sind, stärker jedenfalls, als bis heute zugegeben wird.” (3, S. XV)
„So ist der Wohlstand der Nationen nicht nur ein historisches Dokument. Er ist, zusammen mit der Theorie der ethischen Gefühle, in seiner Art eine einmalige Analyse der menschlichen Natur, so, wie sie ist, nicht wie sie nach unserem beschränkten Verständnis sein sollte, eine Analyse des moralischen und ökonomischen Verhaltens des einzelnen in der Gemeinschaft, und eine Analyse der Auswirkungen dieses Verhaltens auf die sozialen und politischen Einrichtungen, also den Staat.” (3, S. LXXVIII)

Literatur:
(1) Anikin, Andrej, V., Der Weise aus Schottland”, Die Wirtschaft, Berlin, o.J.
(2) Ricardo, David, Über die Grundsätze der politischen Ökonomie und der Besteuerung, Metropolis, Marburg, 1994
(3) Smith, Adam, Der Wohlstand der Nationen, übersetzt von Claus Recktenwald, DTV, München 1993
(4) Smith, Adam, Theorie der ethischen Gefühle, übersetzt von Walter Eckstein, Meiner, Hamburg 1994
(5) Streminger, Gerhard, Adam Smith, Rowolt, Reinbeck, 1999
(6) Turgot, Anne Robert Jacques, Betrachtungen über die Bildung und Verteilung der Reichtümer, Akademie-Verlag, Berlin, 1981
(7) Ziegler, Jean, Die neuen Herrscher der Welt, C. Bertelsmann, München, 2003
(8) http://www.infobite.de/free/lex/allgLexO/e/ehernesLohngesetz/htm