Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Der rätselhafte Dramatiker

Zum 450. Geburtstag von William Shakespeare

(Veröffentlicht in GralsWelt 81/2014)

„Triumphiere, mein Britannien, du hast einen vorzuzeigen, dem alle Bühnen Europas Verehrung schulden. Er war nicht eines Zeitalters, sondern für alle Zeiten!“ schreibt bereits Ben Jonson (1572–1637), Bühnenautor und Zeitgenosse Shakespeares, in einer Würdigung des großen Dramatikers. Heute, an seinem 450. Geburtstag – dessen genauer Tag nicht gesichert ist, erst der 26. April als Tag der Taufe –, können diese Worte nur bestätigt werden. Wer war dieses Ausnahmetalent, das der Fachwelt nach wie vor in vielen Punkten ein Rätsel ist?

Jeder kennt den Namen William Shakespeare (1564–1616), und fast jeder hat einige seiner Dramen und seiner Lustspiele gesehen – auf der Bühne oder im Kino.

Die Historiendramen Shakespeares schildern in beeindruckender Weise Abschnitte der oft blutigen englischen Geschichte oder verarbeiten antike Tragödien. Seine Lustspiele und Problemstücke sind beispielhaft, und seine Liebesgeschichten wurden Vorbilder für ganze Literaturgattungen. Selbst Literaturhistoriker kämen in Verlegenheit, müssten sie aufzählen, wie oft etwa „Othello“ oder „Romeo und Julia“ in Erzählungen, Romanen, Verfilmungen – in vielfacher Form variiert oder verfremdet – nach- und neuerzählt wurden.

Das gesamte Werk des einmaligen Dichters umfasst 38 Dramen. Hinzu kommen Versdichtungen, darunter ein Zyklus von 154 Sonetten. Noch vier Jahrhunderte nach seinem Tode gehören seine Komödien und Tragödien zu den bedeutendsten und am meisten aufgeführten und verfilmten Bühnenstücken der Weltliteratur.

Ein Dichter von einsamer Größe

In der historischen Rückschau ragt der Künstler wie ein Monolith aus seiner Umgebung hervor. Als er nach London kam, hatte im Theaterwesen zwar schon eine üppige Entwicklung des Dramas eingesetzt. Doch keiner seiner Vorläufer und seiner Zeitgenossen reicht an sein Genie und seine Schaffenskraft heran.

Aus der Dichterszene Deutschlands kennt man heute aus jener Zeit allenfalls ein paar der groben Schwänke von Hans Sachs (1494–1576). Die Namen Jacob Ayrer (1544–1605) oder Heinrich Julius von Braunschweig (1564–1613) kennen nur noch Literaturhistoriker.

In England ist und bleibt Shakespeare mit seiner ethischen Weltanschauung, seiner zauberischen Sprache und der Seelentiefe seiner Figuren der größte aller Dramatiker. Keiner seiner Zeitgenossen, auch nicht Christopher Marlowe (1564–1593), kann sich mit ihm messen.

Die damaligen Dramatiker der so sprachbewussten Franzosen, etwa Pierre de Larivey (1541–1619) oder Jean Mairet (1604–1686), sind heute so gut wie vergessenen. Sie reichen bei weitem nicht an Shakespeares Leistungen heran.

Im theaterverliebten Italien machte im 16. Jahrhundert die „Commedia dell’arte“, die Berufsschauspielkunst, Furore. Doch die Unterdrückungen des fröhlichen Landes durch spanische Besatzungen und kirchliche Zensur erlaubten keine ernsthaften Dramen, die Botschaften hätten enthalten können, welche Kirche und Obrigkeit nicht genehm waren.

Nicht viel anders war es in Spanien mit seiner ebenso gefürchteten wie mächtigen Inquisition. Hier schufen Lope de Vega (1562–1635) und Pedro Calderón de la Barca (1600–1681) die klassische Form der spanischen „Comedia“. Beide Autoren wurden im Alter noch Geistliche und waren daher kaum gewillt, kritische Themen anzupacken. Eines der Stücke von Calderón wurde von der Inquisition beanstandet, nach einer näheren Untersuchung das erste Urteil aber aufgehoben.

Die geistige Freiheit kann nicht gedeihen, wenn politische Diktatur, religiöser Fanatismus und unduldsame Priester den Ton angeben. In England kannte man keine Inquisition. Die anglikanische Kirche war offener, ließ mehr Freiheiten zu. In der Elisabethanischen Zeit (Elisabeth I. regierte von 1558 bis zu ihrem Tod 1603) war freieres Denken möglich, konnten kühnere Gedanken vertreten werden, als die herrschenden Mächte auf dem Kontinent sie geduldet hätten.

In einem historischen Glücksfall, zu geeigneter Zeit am günstigsten Ort, tauchte in England ein außergewöhnlicher Dramatiker auf, fand Mäzene und Anerkennung. Dieses einmalige dramatische Genie eroberte zuerst die Londoner Theaterlandschaft und dann die Bühnen der Welt. Seine Themen waren nicht neu. Doch neu war, wie er sie anging, wie er den Menschen und dessen Psyche in den Mittelpunkt stellte. Der kommende Bewusstseinswandel des Menschen der Barockzeit, der einen ersten Höhepunkt im 18. Jahrhundert in der Philosophie der Aufklärung erreichen wird, deutet sich bei Shakespeare schon an.

Es bleibt eines der großen Rätsel, wie besondere Begabungen ganz unerwartet auftreten können. Treffen besondere historische Bedingungen zusammen, ist es – wie Evolutionsbiologen meinen – einfach der pure Zufall in der „Lotterie der Gene“? Oder haben die Betreffenden ihr Genie über mehrere Erdenleben hinweg entwickelt?

Wer war William Shakespeare?

Als meine Frau und ich ein halbes Jahr in den Midlands bei Birmingham lebten, besuchten wir auch Stratford-upon-Avon, den Geburtsort von Shakespeare. Kulturbewusst besichtigten wir sein Geburtshaus sowie das „Anne-Hathaway-Cottage“, in dem seine Frau Anne (1556 –1623) ihre Kindheit verbrachte. Dann sahen wir Shakespeares Grabstätte in der Holy Trinity Church, lasen seine Biographie und erlebten eine Aufführung im „Royal Shakespeare Theatre“. Doch seine Persönlichkeit blieb uns ebenso rätselhaft wie seine einmalige Begabung.

Dabei erscheint Shakespeares Werdegang ziemlich unspektakulär. William besuchte in seinem Geburtsort die Lateinschule, die einen guten Ruf hatte. Er heiratete schon als 18jähriger, bekam drei Kinder. Darauf folgten die für Literaturwissenschaftler „verlorenen Jahre“ (1584–1592), über die Shakespeares Biographen nichts sagen können. Waren das seine Lehrjahre, in denen er viel gelesen und womöglich mit einer Theatertruppe Europa bereist hat?

Spätestens 1592 ist er wieder greifbar, als Mitglied einer Theatergruppe in London, die bald zu den führenden Schauspielgruppen zählte. Shakespeare schrieb Theaterstücke für diese Gruppe, an der er finanziell beteiligt war, und trat auch selbst als Schauspieler auf.

Ab 1599 war Shakespeare Mitbesitzer des „Globe Theatre“, das seine Gruppe gebaut hatte. Der Erfolg brachte ihm Vermögen und Einfluss. Später beteiligte er sich auch an dem „Blackfriars Theatre“, das – anders als das Globe – überdacht und damit exklusiver war.

Mit 46 Jahren kehrte Shakespeare nach Stratfort zurück, wo er seine letzten Jahre als vermögender Mann lebte.

Woher die Begabung?

Ein Schriftsteller aus der Provinz mit mäßiger Schulbildung, ohne Universitätsstudium, der kaum etwas von der Welt gesehen hat, soll die größten Dramen der Weltliteratur geschrieben haben? Viele Literaturkritiker wollen oder können das nicht glauben.

Wer solche Werke schreibt, muss doch eine Persönlichkeit mit umfassender Bildung und bedeutenden Geschichts- und Sprachkenntnissen sein. Das scheint jedenfalls die Meinung der Autoritäten zu sein und die eines konservativen Bildungsbürgertums.

Doch könnte nicht auch ein Menschengeist im Verlauf vieler Inkarnationen, durch eigenes Erleben, ein außerordentliches Wissen angesammelt haben? Und stehen ihm, unter besonderen Voraussetzungen, Erfahrungen aus vielen früheren Leben dann zur Verfügung? Vielleicht entstehen auf diese Art Genies, deren Genius ohne Berücksichtigung der Tatsache mehrerer Erdenleben in jeweils neuen Verkörperungen unerklärlich bleibt.

Nur ein Strohmann?

Einigen Theorien zufolge könnte Shakespeare der Strohmann einer einflussreichen, sehr bedeutenden Persönlichkeit gewesen sein, die es nicht wagen durfte, unter eigenem Namen zu veröffentlichen, weil es sonst einen Skandal gegeben hätte.

Wer also hätte die unter dem Pseudonym „Shakespeare“ bekannten Werke demnach verfasst?

Seit Jahrhunderten wird nach diesem großen Unbekannten gesucht. Etwa zwei Jahrhunderte lang war Francis Bacon (1561–1626) der führende Alternativkandidat. Bacon entstammte einer vermögenden Familie und war ein hochgebildeter Philosoph und Wissenschaftler. Am Königshof machte er bei Elisabeth I. und ihrem Nachfolger James I. (Regierungszeit 1603–1625) Karriere und stieg zum Lordkanzler auf. Wegen Korruption wurde er zuletzt vom Hofe verbannt. Die von ihm überlieferten Gedichte lassen aber andere Literaturwissenschaftler daran zweifeln, dass er wie Shakespeare schreiben konnte.

Etliche weitere Kandidaten wurden vorgeschlagen: Der Dramatiker Christopher Marlowe, der Adelige William Stanley, 6. Earl of Derby, oder Edward de Vere, der 17. Earl of Oxford. Die Liste ist lang und umfasst rund 50 Personen.

Bis heute hat die offizielle Literaturwissenschaft alle derartigen Spekulationen verworfen. Eindeutige Beweise für oder gegen Shakespeares Autorschaft fehlen, Originalhandschriften seiner Werke sind nicht erhalten. Übrigens auch nicht von vielen anderen seiner Zeitgenossen.

Wirkmacht jenseits der Bretterwelt

Bei allem Stolz auf unsere großen deutschen Dichter wie Lessing, Goethe, Schiller, Kleist – wer von ihnen kann sich mit Shakespeare messen? Wer hat das ganze Bühnenspektrum so souverän beherrscht? Vom Historiendrama bis zum Lustspiel, von der Liebesgeschichte bis zum Possenspiel, vom Zaubermärchen bis zur Intrige …

Die Bekanntheit seiner Bühnenfiguren reicht weit über die Theaterwelt hinaus. Jeder kennt sie, fast so gut wie Namen aus der Bibel. Manche der Shakespeare-Charaktere sind „Archetypen“ menschlichen Verhaltens geworden: Falstaff, Hamlet, Julia, Lady Macbeth, Othello, Romeo, Shylock und weitere.

Shakespeares Weltschau ist zutiefst ethisch: „Die ehernen Angeln seiner Weltanschauung sind Wahrheit und Gerechtigkeit. Er ist der Dichter des Gewissens, der sittlichste unter allen im höchsten Sinne des Wortes. Zwar die Unschuld und den Seelenadel kann der Tragödiendichter nicht vor dem Untergange retten, denn so will es die hohe Kunst; doch niemals, in keinem einzigen Drama, lässt Shakespeare die Niedertracht am letzten Ende triumphieren. Auch wo das Edle unterliegt, da flammt zerschmetternd und sühnend der Blitzstrahl nieder auf das Böse und die Bösen.“ (2, S. 81)

Shakespeares etwas altertümliches Englisch ist heute selbst für Engländer nicht mehr ganz leicht zugänglich. Doch zahllose seiner dichterischen Redewendungen sind – nicht nur im englischen Sprachraum – zu vielfach abgewandelten Sprichwörtern geworden:

„Das bittre Brot der Verbannung essen“; „Das unentdeckte Land, von des Bezirk kein Wandrer wiederkehrt“; „Dass einer lächeln kann und immer lächeln, und doch ein Schurke sei“; „Der bessre Teil der Tapferkeit ist Vorsicht“; „Die Zeit ist aus den Fugen“; „Der Menschen Sünden leben fort in Erz, ihr edles Wirken schreiben wir ins Wasser“; „Der Narben lacht, wer Wunden nie gefühlt“; „Der Rest ist Schweigen“; „Die ganze Welt ist Theater“; „Die Not bringt einen zu seltsamen Schlafgesellen“; „Doch still! Mich dünkt, ich wittre Morgenluft“; „Er denkt zu viel, die Leute sind gefährlich“; „Etwas ist faul im Staate Dänemark“; „Futter für Pulver“ (Kanonenfutter); „Gut gebrüllt, Löwe!“; „Ist dies schon Tollheit, hat es doch Methode“; „Komme, was kommen mag, die Stunde rinnt auch durch den rauhsten Tag“; „Lasst wohlbeleibte Männer um mich sein“; „Mit einem heitern, einem nassen Aug“; „Schwachheit, dein Name ist Weib“; „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage“; „Viel Lärm um nichts“; „Weil Kürze denn des Witzes Seele ist“; „Worte, Worte, nichts als Worte“; der „Zahn der Zeit“ …

Shakespeare als Künstler

Ein Künstler fällt häufig aus dem üblichen Rahmen der Gesellschaft, die ihn umgibt. Er ist nicht berechenbar, ist nicht mit den üblichen Maßstäben einzugrenzen. Er hat idealer Weise Zugang zu feineren Welten, kann zartere Schwingungen aus feinstofflicheren Ebenen empfangen und höhere Einsichten ver-„dichten“. Andererseits fehlt ihm häufig das Verständnis für typische „bürgerliche Tugenden“. Er will sich nicht einengen lassen, will ungehemmt tätig sein, braucht freie Luft zum Atmen. Nicht selten erscheinen Künstler daher der bürgerlichen Welt als selbstverliebte, schräge Figuren. Sie gelten als lebensuntüchtig, sind schwierige Freunde und keine einfach zu behandelnden Lebenspartner.

Für Shakespeare trafen solche Kategorien, die für viele bedeutende Künstler gelten, allerdings nicht zu. Er fand durch seine dichterischen und schauspielerischen Leistungen Beachtung, verstrickte sich nicht in Skandale, was für einen Schauspieler gar nicht so einfach ist. Manchmal hat er unter der Schmach gelitten, dem damals verachteten Schauspielerstand anzugehören. Auch geschäftlich war er keinesfalls ungeschickt. Obwohl er vermögend wurde, verfiel er nicht der Gier nach noch mehr Geld, sondern wünschte für sich und seine Familie nur das angenehme Leben eines Landedelmannes.

Allem Anschein nach gilt für Shakespeare keine der üblichen Regeln. Er ist nicht mit gängigen Maßstäben zu messen, in kein Schema einzuordnen. In diesem Sinne fand Goethe: „Man kann über Shakespeare gar nicht reden, es ist alles unzulänglich.“ Die Nachwelt empfindet nach wie vor Bewunderung für ihn, und die unter seinem Namen publizierten Werke sind bis heute zeitlos – unsterblich.

Literatur:

(1) Büchmann, Georg, Geflügelte Worte, Haude & Spener, Berlin 1964

(2) Engel, Eduard, Shakespeare, Severus, Hamburg 2010

(3) Schoenbaum, Samuel, William Shakespeare, Oxford University Press, New York 1981

www …

William Shakespeare:

http://www.de.wikipedia.org/wiki/William_Shakespeare

Urheberschaftsfrage:

http://www.de.wikipedia.org/wiki/William-Shakespeare-Urheberschaft