Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Es spukt – spukt es?

Veröffentlicht in GralsWelt 45/2007

Im Zuge der Aufklärung setzte sich im 18. und 19. Jahrhundert nach und nach die von so gut wie allen Naturwissenschaftlern vertretene Meinung durch, daß es „keine Gespenster gäbe”. Die hysterischen Hexenverfolgungen der beginnenden Neuzeit (vgl. GW 32/2004 “Die Hexenagd von Salem”)  hatten den Unsinn des „mittelalterlichen Aberglaubens” entlarvt, und die vielfältigen abergläubischen Vorstellungen – Gespenster, Hexerei, Totenbeschwörung, Pakt mit dem Teufel, Einflüsterungen des Satans usw. – schienen endgültig widerlegt. Für jeden aufgeklärten Wissenschaftler war dieses Thema damit erledigt, auch wenn die Kirchen sich noch nicht über manche Bibelstellen hinwegsetzen wollten, z. B. das Verdammen von Zauberei und Totenbefragung.[i]

Der Spukfall Fox

Doch dann gab es mitten im aufgeklärten 19. Jahrhundert einen gut dokumentierten Rückschlag: Bei der Methodisten-Famile Fox in Hydesville (Maine, USA) trat im Jahre 1848 in einem neubezogenen Haus ein Phänomen auf, ein sogenannter Klopfgeist, der dauerhaft und unangenehm störte, bis die Hausbewohner auf die Idee kamen, sich mit Hilfe eines Klopf-Alphabets mit ihm zu verständigen. So erfuhren sie, daß der Klopfgeist einst in diesem Haus ermordet und begraben worden sei. Bei daraufhin erfolgten Grabungen im Keller wurden tatsächlich Skeletteile eines Menschen gefunden. Ähnliche Spukerscheinungen, bei denen sich ein Ermordeter aus dem Jenseits bemerkbar macht, sind seit dem Altertum vielfach überliefert.

Der Spuk im Hause Fox, der in den USA großes Aufsehen erregte, ging nach den Grabungen weiter. Eine Untersuchungskommission bemühte sich vergeblich um Aufklärung. Bis heute weiß Niemand, was wirklich geschah. Denn Jahrzehnte später gaben die Fox-Töchter (unter Druck?) zu, sie wären die Klopfgeister gewesen; ein Geständnis, das sie bald wieder zurücknahmen.

Die Erforschung des Transzendenten

Ob echt oder getürkt, der sensationelle Spukfall Fox machte Tausenden Mut, von ihren eigenen entsprechenden Erfahrungen zu berichten. Damals entstand eine spiritistische Bewegung, die auch Europa erfaßte. Etablierte, angesehene Forscher beschäftigten sich mit okkulten Phänomenen und sahen im Spiritismus eine Erfahrungswissenschaft (8). Die Liste der Wissenschaftler, Pseudowissenschaftler, Medien, Hellseher, okkulten Meister, Geistheiler, Scharlatane, esoterischen Zirkel ist lang, die seither das Außersinnliche erforschen und den Menschen zugänglich machen wollen. Einen ersten Höhepunkt erreichte die Beschäftigung mit dem Okkulten („das Verborgene”) im 19. Jahrhundert mit der Gründung der Theosophischen Gesellschaft im Jahr 1875. Um eine wissenschaftliche Erforschung des Paranormalen bemüht sich die 1882 in England gegründete Society für Physical Research (S. P. R.), der Gelehrte von Rang angehören. Den Begriff Parapsychologie führte 1889 der Philosoph, Psychologe, Theosoph Max Dessoir (1867-1947) ein, der im Paranormalen oder Paraphysikalischen ein wissenschaftlich zu erforschendes Neuland sah, und zu diesem Thema etliche Werke herausgab.

Dann geriet in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts der Okkultismus in Mißkredit. Denn nach dem Ersten Weltkrieg schwappte eine Okkultismus-Welle über das Land, in der nicht nur Wahrheitssucher und seriöse Forscher den Ton angaben. Etliche Schwindler wurden entlarvt, und die um die Erforschung des Paranormalen bemühten Wissenschaftler mußten sich (zu Recht oder Unrecht) Leichtgläubigkeit vorwerfen lassen. Oft verfügten diese Forscher nur über Methoden, die aus heutiger Sicht unzureichend sind, so daß die teilweise umfangreichen Arbeiten und Dokumentationen aus dem 19. und dem beginnenden 20. Jahrhundert heute nicht ernst genommen werden.

Doch der Versuch, das Transzendente einfach auszuklammern gelingt nicht. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam die Esoterik-Welle. Statt vom Okkultismus spricht man nun von der Esoterik oder den Grenzwissenschaften: Das zu erforschende Gebiet blieb das gleiche, doch die Forscher paßten sich an den Zeitgeist an und setzten modernere Mittel ein. Wieder fanden sich in vielen Ländern Wissenschaftler, die mit exakten Methoden fundierte Aussagen über Erscheinungen suchten, die mit physikalischen Mitteln nicht erklärbar waren. In Deutschland entstand 1950 das „Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene” in Freiburg. Seit 1989 gibt es in Freiburg eine Parapsychologische Beratungsstelle (13). Außerdem wollen zahlreiche esoterische oder religiöse Gruppen auf verschiedensten Wegen in das Jenseitige eindringen und damit unser Weltverständnis erweitern.

Was immer in vergangenen Jahrhunderten an religiösen Ideen, okkulten Ansätzen, magischen Werken, spiritistischen Praktiken, sogar abartigen Kulten aufgetaucht ist: Heute gibt es darüber Literatur, wenn nicht einen Zirkel, der sich aktiv um die Umsetzung bemüht.

Auch Skeptiker haben sich zusammengeschlossen, die alle transzendenten Phänomene entweder wissenschaftlich wegerklären oder als Schwindel entlarven wollen. Auch deren Arbeiten werden regelmäßig veröffentlicht (10).

Den etablierten Kirchen ist diese Entwicklung nicht geheuer. Denn sie möchten ja mit der Zeit gehen, um nicht zu sehr an Glaubwürdigkeit zu verlieren, und können sich doch nicht von manchen alten Überlieferungen lösen, die vielen modernen Menschen als längst widerlegter Aberglaube erscheinen (zum Beispiel ist zu einer Heiligsprechung der Nachweis von Wundern erforderlich[ii]).

Esoterik und Wissenschaft

Nun würde man erwarten, daß die grenzwissenschaftliche Forschung die lange gesuchten Brücken zwischen Wissenschaft und Religion bauen könnte. Denn wenn Naturwissenschaftler und Theologen auf verschiedenen Wegen nach Wahrheit suchen, müßten sie sich eigentlich früher oder später begegnen. Doch trotz eineinhalb Jahrhunderte ernsthafter Forschung haben Wissenschaftler und Esoteriker noch immer keine Gemeinsamkeiten gefunden. Mögen noch so viele parapsychologische Phänomene auftauchen und in der Literatur beschrieben werden: Die etablierte Wissenschaft hält nach wie vor daran fest, daß es sich dabei samt und sonders um Irrtum, Schwindel oder besondere Leistungen des menschlichen Gehirns handle. Daß es andere Welten, das sog. Jenseits, Weiterleben nach dem Tode, oder sogar einen Schöpfer geben würde, ist nach wie vor eine „Frage des Glaubens”, für die im naturwissenschaftlichen Weltbild kein Platz bleibt.

Fehlt also die für die Erkenntnis höherer Welten notwendige Methode? Eignen sich physikalische Verfahren zu wenig zur Erforschung das Transzendenten?

Physikalische Experimente sind beliebig wiederholbar; sie können theoretisch von Jedermann zu jeder Zeit durchgeführt werden. Esoterische Phänomene dagegen sind meist Einzelerscheinungen, die spontan auftreten und sich nicht beliebig reproduzieren lassen. In der Regel scheinen sie auch von den beteiligten Menschen abzuhängen, die „sensitiv” sein müssen. Wer selbst keine transzendenten Erlebnisse hatte, tut sich natürlicherweise mit den erstaunlichen, manchmal unglaublichen Berichten über derartige Grenzerfahrungen schwer.

Ein Jahrhundert Parapsychologie

Was ist nach mehr als einem Jahrhundert grenzwissenschaftlicher Forschung erreicht?

  • Die wissenschaftliche Anerkennung des Transzendenten fehlt nach wie vor. Wissenschaftler setzen ihr Rennomee aufs Spiel, wenn sie – vielleicht aufgrund persönlicher Erlebnisse – für die Existenz des Paranormalen eintreten. In den als seriös geltenden Medien werden dementsprechend außerphysikalische Effekte oft als Irrtum oder Schwindel abgetan.
  • Die öffentliche Meinung hat sich durch die verschiedenen Spiritismus-, Okkultismus- und Esoterik-Wellen verändert. Die Mehrzahl der Menschen erwarten im Grunde ein Weiterleben nach dem Tode. Überraschend viele – darunter auch Kirchenchristen und andere religiöse Menschen – rechnen mit mehreren Erdenleben, obwohl die Reinkarnationslehre von fast allen christlichen Religionsgemeinschaften und dem Islam abgelehnt wird.
  • Auch das Interesse am Okkulten ist groß geblieben. Das beweisen die Berichte über unerklärliche Phänomene, die laufend in der „yellow Press” erscheinen, ebenso wie die esoterischen Zeitschriften, die Abonnenten finden. Und im Internet tummeln sich Astrologen, Geistheiler, Graphologen, Handleser, Hellseher, Kartenleger, Magier, Medien, Pendler, Rutengänger, Schamanen, Seher, Spiritisten, Wahrsager, Zukunftsdeuter, die Lebenshilfen verschiedenster Art anbieten (14).
  • Die Existenz außerphysikalischer Erscheinungen ist in Einzelfällen gut belegt (5); doch Skeptiker weigern sich hartnäckig, solche Beweise für Transzendentes anzuerkennen, selbst wenn sie auf wissenschaftlich einwandfrei durchgeführten Untersuchungen beruhen.
  • Trotz aller Bemühungen fehlt noch immer ein Durchbruch. Noch keine paraphysikalische Methode fand allgemeine Anerkennung oder erwies sich als so zuverlässig, daß sie auf breiter Front praktisch angewendet wird. Gleichwohl scheinen esoterische Gebiete wie Akupunktur und Homöopathie den zähneknirschenden Segen der etablierten Kirchen – pardon: Wissenschaften – zu erhalten.
  • Bisher fehlt auch der unanfechtbare Nachweis, daß es Menschen mit zuverlässigen paranormalen Fähigkeiten gibt. So hat vorläufig noch niemand den von James Randi, einem bekannten Skeptiker, ausgesetzten Preis von 1 Million Dollar gewonnen. Randi fordert dazu, daß unter kontrollierten Bedingungen paranormale, übernatürliche oder okkulte Kräfte demonstriert werden (15).

Man muß also einräumen, daß wir uns hier nach wie vor auf einem Feld bewegen, in dem Meinungen gegensätzlich aufeinanderprallen. Die Einwände der Skeptiker gegen die Existenz des Transzendenten lassen sich ebensowenig unwiderleglich entkräften, wie die Esoterik-Fans unwiderlegliche Beweise für ihre Beobachtungen vorlegen können. Weiterhin bleibt persönliche Erfahrung die Entscheidungshilfe für einen eigenen Standpunkt.

Literatur:

(1) Doucet, Geschichte der Geheimwissenschaften, Wilh. Heyne, München, 1982.

(2) Gossler Marcus, Grenzwissenschaften, mvg Verlag, Landsberg am Lech.

(3) Hagl Siegfried, Die Kluft zwischen Wissenschaft und Wahrheit, Verlag der Stiftung Gralsbotschaft, Stuttgart, 1986.

(4) Hagl Siegfried, Spreu und Weizen, Gralsverlag, Eggersdorf, 2003.

(5) Karger Friedbert/Zicha Gerhard, Physikalische Untersuchungen des Spukfalles in Rosenheim, Zeitschrift für Parapsychologie und Grenzgebiete der Psychologie, Band XI, 1968, S. 113 f.

(6) Lucadou Walter v., Psi-Phänomene, Aurum, Freiburg, 1989.

(7) Miers Horst E., Lexikon des Geheimwissens, Wilh. Goldmann, München, 1982.

(8) Pankraduny T., Die Welt der Geheimen Mächte, Vollmer, Miesbach, o. J.

(9) Passian Rudolf, Licht und Schatten der Esoterik, Droemer-Knaur, München, 1991.

(10) http://gwup.org.

(11) http://www.das-spukhaus.de.

(12) http://www.igpp.de.

(13) http://www.parapsychologische-beratungsstelle.de.

(14) http://www.questico.com.

(15) http://www.randi.org.

 


[i] Vergl. 1. Sam. 28,7; 2. Kön. 16,3; 2. Chr. 33,6

[ii] Falls ein Heiligzusprechender „vor Gott heilig” ist, so werde das durch außergewöhnliche Vorkommnisse, durch „Zeichen” bestätigt; deshalb wird die „fama signorum”, der Ruf der Wundertätigkeit – zumeist ein Heilungswunder – überprüft.

Vergl. http://www.heiligenlexikon.de/start.html?Grundlagen/Heiligsprechung_kath.htm