Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Wenn der Elefant umfällt, kann er nicht mehr aufstehen

Das wichtigste Naturkundebuch des Mittelalters

Vermutlich haben Sie noch nie etwas von einem Buch gehört, das im Abendland ein Jahrtausend lang die nach der Bibel meistgelesene Schrift war: der Physiologus. Doch viele Beschreibungen realer oder fabelhafter Tiere daraus, die sprichwörtlich geworden sind, kennen Sie: den Löwen, der seine Jungen durch Anhauchen belebt; den opferfreudigen Pelikan, der seine Jungen mit seinem eigenen Blut nährt und in Kirchen als Symbol für Jesus Christus dient; den stolzen Pfau, den Phoenix, der sich selbst verbrennt und aus der Asche wieder aufersteht; den Salamander, der die Hitze eines Ofens erträgt; Sirenen, Kentauren, das Einhorn …

Wahrscheinlich haben Sie auch die schon folgende, merkwürdige Geschichte vom Elefanten gehört: „Die Natur des Elefanten ist so beschaffen: Wenn er umfällt, kann er nicht mehr aufstehen; er besitzt nämlich keine Gelenke in den Knien wie die übrigen Tiere. Wie aber kommt er zu Fall? Wenn er schlafen will, lehnt er sich an einen Baum und schlummert. Die Jäger nun, die um diese Eigenheit des Elefanten wissen, schleichen hin und sägen den Baum etwas an. Nun kommt der Elefant, um sich anzulehnen, fällt mit dem Baum …“ (1, S. 83)

Diese Tierfabeln, häufig schon aus der vorchristlichen Antike überliefert, wurden durch den Physiologus weithin bekannt und beispielsweise auch in Heldengeschichten oder Abenteuerromanen übernommen.

Der Physiologus

Im 2. Jahrhundert entstand in griechischer Sprache ein kleines Buch, ursprünglich mit nur 48, meist kurzen Abschnitten. Das griechische Wort Physiologus bezeichnet eigentlich nicht ein Buch, sondern einen Erforscher und Deuter der Natur, der ins Innere der Dinge eindringt und Gottes Wirken erfasst. Vielleicht nannte man schon Aristoteles einen Physiologus (1, S. 142). Dementsprechend enthält der Physiologus symbolische Deutungen der Natur, der Tier- und Pflanzenwelt im christlichen Sinne. Durch seine christlich-dogmatische Tendenz erlangte er im Mittelalter einen stärkeren Einfluss als irgend eine andere naturkundliche Schrift. Sein Gebiet ist die sogenannte Naturtheologie.

Der Physiologus bringt merkwürdige Mischungen aus (fragwürdigen) Naturbeobachtungen und christlicher Theologie. Man kann von einer Interpretatio Christiana sprechen, einer Deutung des Christentums aus der Natur, wobei Tiere und Pflanzen weitgehend als Symbole gesehen werden.

Nach dem Vorbild des Physiologus wollten Naturtheologen noch im 18. und 19. Jahrhundert aus der Zweckmäßigkeit der Natur Gottesbeweise ableiten (5). Im 20. und 21. Jahrhundert begegnet uns die Naturtheologie in moderner Form als „Intelligent Design“ (ID)-Theorie (vgl. GralsWelt 40/2006, „Ein konstruiertes Universum“ und GralsWelt 44/2007, „Die Evolution – das intelligente Design“) oder sogar in der Kosmologie (3).

Ein Jahrtausend lang, zwischen dem 5. und dem 15. Jahrhundert, war der Physiologus weit verbreitet und vermutlich für viele Menschen das einzige Buch, das sie je gelesen hatten. Sein Siegeszug begann im 5. Jahrhundert mit Übersetzungen ins Lateinische, sowie ins Äthiopische, Arabische, Deutsche, Englische, Flämische, Georgische, Isländische, Koptische, Russische usw. Sowohl in der östlichen wie in der westlichen Kirche fand er Beachtung.

Seine weite Verbreitung ist dadurch zu erklären, dass er dem christlichen Unterricht und der Predigt diente. Auch war sein Umfang nicht groß, so dass ein Schüler ihn abschreiben und so ein eigenes Buch besitzen konnte. Dementsprechend gibt es viele Fassungen, mit oder ohne Ergänzungen und Erweiterungen; einige sogar in Reimform oder illustriert.

Die einfachen Bilder des Physiologus sind jedem verständlich. Sie wurden bis in die Neuzeit gerne zitiert oder bei Predigten verwendet und fanden Eingang in die Literatur. Im Mittelalter störten sich nur die wenigsten an den oft unglaublichen Geschichten. Wer mit der Materie vertraut ist, kann an alten Kirchen Darstellungen finden, die auf die Tier- und Pflanzensymbolik des Physiologus anspielen.

Die Naturgeschichte des Physiologus, samt ihren Skurrilitäten stammt meist schon aus älteren Quellen. Ursprünglich gehörte das meiste zur Unterhaltungsliteratur und wurde erst in christlicher Zeit theologisch interpretiert.

Ein paar kurze, typische Zitate aus dem Physiologus dürfen hier nicht fehlen:

So sprach der Physiologus

• Von der Sonnen-Eidechse

Es gibt eine Eidechse, die Sonnen-Echse heißt, sagt der Physiologus. Wenn sie alt wird, werden ihre Augen schwach und blind, und sie kann das Licht der Sonne nicht mehr sehen. Was tut sie nun kraft ihrer schönen Eigenheit? Sie sucht eine Mauer, die zum Sonnenaufgang hin blickt, und sie kriecht in eine Ritze dieser Mauer, und schaut nach Osten; wenn dann die Sonne aufgeht, werden ihre Augen geöffnet (Jes. 35,5) und werden wieder gesund.

Auf gleiche Weise suche auch du, o Mensch, wenn du das Gewand des alten Menschen (Röm. 6,6) trägst und die Augen deines Herzens stumpf sind, die aufgehende Sonne der Gerechtigkeit (Mal. 3.20), Christus, unseren Gott, dessen Name Aufgang genannt wird beim Propheten (Sach. 6,12), und er wird die Augen deines Herzens auftun. (1, S. 7)

• Vom Pelikan

Schön spricht David (Ps. 101,7): „Ich bin gleich einem Pelikan in der Wüste“: Der Physiologus sagte vom Pelikan, er liebe seine Kinder über die Maßen. Hat er nämlich die Jungen ausgebrütet und sind sie ein wenig gewachsen, hacken sie ihren Eltern ins Gesicht; die Eltern aber hacken zurück auf die Jungen und töten sie. Später aber tut es den Eltern der Kinder leid, und sie betrauern die Jungen, die sie getötet haben, drei Tage lang. Am dritten Tag nun reißt sich ihre Mutter die Seite auf, und ihr Blut, das auf die toten Körper der Jungen herabtropft, erweckt diese wieder zum Leben.

So sprach auch der Herr bei Jesaia (Jes. 1,2): „Ich zeugte Söhne und erhöhte sie, doch sind sie von mir abgefallen.“ Der Schöpfer aller Dinge hat uns erzeugt, und wir haben ihn geschlagen. Wie nun schlugen wir ihn? Wir dienten der Schöpfung statt ihrem Schöpfer. Nun stieg der Erlöser zum Kreuz empor und öffnete seine Seite; Blut und Wasser tropften herab zur Erlösung und ewigem Leben; das Blut, weil gesagt ist (Mt. 26,27): „Er nahm den Kelch und dankte“, das Wasser aber zur Taufe und Buße.

Schön also hat der Physiologus über den Pelikan gesprochen. (1, S. 11)

• Vom Igel

Die Igel haben die Gestalt einer Kugel, ähneln Schweinen und sind ganz mit Stacheln besetzt. Der Physiologus sagte vom Igel: Er klettert auf den Weinstock, gelangt zur Traube und wirft ihre Beeren zur Erde; dann wälzt er sich darin und wirft sich auf den Rücken, so dass sich die Beeren an seine Stacheln heften. Darauf bringt er sie seinen Jungen und lässt die Rebe ohne Trauben zurück.

Du nun, Christenmensch, halte dich fest am geistlichen und wahren Weinstock (Joh. 15,1), um zur geistlichen Kelter gebracht und aufbewahrt zu werden für die königlichen Höfe und zum heiligen Thron Christi (2. Kor. 5,10) zu gelangen. Wie nämlich könntest du den Igel, den bösen Geist, zu deinem Herzen hinaufsteigen lassen, so dass er dich traubenleer zurücklässt und du gar keinen guten Zweig mehr an dir hast?

Mit Recht also bezog der Physiologus in seiner von Gott eingegebenen Schrift die Eigenheiten der Tiere auf uns. (1, S. 30 f.)

• Vom Ichneumon

Es gibt ein Tier, das Ichneumon heißt, ähnlich dem Schwein und ein Todfreind des Drachen. Hat es nun einen wilden Drachen gefunden, geht es hin, wie der Physiologus sagt, schmiert sich mit Lehm ein und schützt seine Nüstern mit dem Schwanz, bis es den Drachen getötet hat.

So nahm auch unser Erlöser das Wesen des Erdengeschlechts an, bis er den Drachen, den Pharao, tötete, der am Strom Ägyptens sitzt (Ez. 29,3), will sagen, den Teufel. Denn wäre Christus körperlos gewesen, wie hätte er den Drachen vernichten können? Dann nämlich hätte ihm der Drache so entgegnet (Mt. 8,29): „Du bist Gott und Erlöser, und ich kann es mit dir nicht aufnehmen“. Doch hat er, der größer ist als alle, sich erniedrigt, um alle zu erretten (Phil. 2,7). (1, S. 43 f.)

• Von den Feuersteinen

Es gibt Steine, die, wenn sie einander näher kommen, Feuer fangen und alles in Brand setzen, was mit ihnen in Berührung kommt; sie sind aber ihrer Natur nach männlich und weiblich und bleiben weit von  einander entfernt.

Auch du also, wahrer Christenmensch, fliehe das Weibliche, damit du nicht, wenn du ihm nahe kommst, für die Lust entbrennst und alle Tugend in dir verbrennst. Denn auch dem Samson wurde, als er sich einem Weibe nahte, die Locke seiner Kraft abgeschnitten (Richt. 16,4 ff.), und viele gerieten, wie geschrieben steht, durch Weiberschönheit auf Abwege. (1, S. 73)

• Vom Magnetstein

Der Physiologus sagte vom Magnetstein, er hebe das Eisen hoch. Er lässt das Eisen am Stein haften und hebt es so empor.

Wenn nun schon die geschaffenen Dinge einander hochheben, um wie viel mehr tut es der Schöpfer von allem und göttliche Erbauer der Welt, der den Himmel über der Erde aufhing und ihn wie ein Tuch ausspannte? (Ps. 103,2)

Schön also hat der Physiologus vom Magnetgestein gesprochen. (1, S. 75)

• Vom Pfau

Der Pfau nämlich ist ein sehr hübscher Vogel vor allen Vögeln des Himmels. Dieser Pfau hat sehr schöne Farben und prächtige Flügel, spaziert hierhin und dorthin, hat Freude an seinem Aussehen, schüttelt sein Gefieder, macht ein Rad und betrachtet sich wohlgefällig. Doch wenn er nach seinen Füßen sieht, schreit er wild und klagend auf, denn seine Füße passen nicht zu seiner sonstigen Gestalt.

Auch du also, Christenmensch, wenn du deine Bestimmung ansiehst und das Gute, das Gott dir verlieh, freue dich und sei glücklich und stolz in deiner Seele. Blickst du aber auf deine Füße, das sind deine Sünden, schreie und klage zu Gott und hasse dein Unrecht wie auch der Pfau seine Füße, damit du gerecht vor dem Bräutigam erscheinst.

Schön hat der Physiologus vom Pfau gesprochen. (1, S. 97)

• Vom Hasen

Der Hase nämlich rennt schnell wie im Flug. Und wenn er dem Jäger entflieht und die hohen Bergrücken hinaufrennt, so ermatten die Hunde zusamt dem Jäger und vermögen ihn nicht zu erjagen; rennt der Hase aber bergab, wird er rasch erjagt.

Auch du nun, Christenmensch, wenn du zur Höhe strebst – wie auch David sagte (Ps. 121.1): „Ich erhebe meine Augen zu den Höhen, von wo mir Hilfe kommen wird“, und dies bedeutet: zu den Tugenden und gottgefälliger Entsagung –, dann ermatten die feindlichen Kräfte zusamt dem Jäger, will sagen, dem Teufel, und du wirst ihnen nicht zur Beute. Nimmst du deinen Weg aber bergab, nämlich zu Verderbnis und Sünde, wirst du zur Beute der feindlichen Mächte.

Schön hat der Physiologus vom Hasen gesprochen. (1, S. 101 f.)

Das Weltbild des Physiologus

Auf den ersten Blick ist man betroffen von der kindlich-naiven Einfalt, mit der im Physiologus die Welt betrachtet wird; von der geringen Bereitschaft, aufgestellte Behauptungen oder angebliche Naturbeobachtungen zu hinterfragen. Verharrte das naturwissenschaftliche Wissen des Mittelalters tatsächlich Jahrhunderte lang auf dem Niveau des Physiologus?

Aus der Sicht des Physiologus sind die Welt und ihre Erscheinungen nur sinnvoll in Bezug auf die religiöse Wahrheit. Neben der Heiligen Schrift gibt es demnach eine zweite Offenbarung: das Buch der Natur, die von Gott im Hinblick auf das Heilsgeschehen zeichenhaft erschaffen ist. Da nach der Überzeugung mittelalterlicher Theologen sowohl die Natur wie die Heilige Schrift direkt von Gott geschaffen wurden, kann es zwischen beiden keinen Widerspruch geben. Beobachtungen der Tier- und Pflanzenwelt müssen sich aus dieser Sicht bestens eignen zur Deutung des Heilsgeschehens. Daran gab es für die Gelehrten des Mittelalters, fast alle Priester oder Mönche, keinen Zweifel.

Diesem rein theologischen Naturverständnis fehlte es an Bereitschaft zur kritischen Naturbeobachtung und an Interesse für praktische Anwendungen. Der Fokus der Theologen war fast ausschließlich auf das Seelenheil konzentriert.

Das ungelehrte Volk lernte seine Religion aus den Interpretationen kennen, die ihm – zum Beispiel bei Predigten – Kleriker vorsetzten. Diese selbst waren in der Regel weder besonders belesen noch gelehrt und daher dankbar für die anschaulichen Gleichnisse, die der Physiologus in leicht verständlicher Form lieferte.

So kam die mittelalterliche Wissenschaft, in ihrer Fixierung auf die Theologie, kaum über das zu römischer Zeit längst erreichte Niveau hinaus und machte nur geringe Fortschritte. Zügig voran ging es erst, als die Schriften der Antike im Abendland neu entdeckt wurden, und Wissen aus dem Orient nach Europa kam. Nun begannen mehr und mehr Wissenschaftler zu beobachten, selbständig zu denken, und die alten Überlieferungen – ob Bibel oder Physiologus – zu hinterfragen. Mit zunehmendem Wissen und tieferer Kenntnis der Natur war dann in der Neuzeit mit dem Physiologus kein Staat mehr zu machen. Seither verstaubt er in den Bibliotheken. Nur gelegentlich holt man ihn hervor als Kuriosität, oder auch als warnendes Beispiel: Überlieferungen dürfen nicht ungefragt oder unverstanden übernommen werden. Der Fortschritt der Menschheit erfordert eigenständiges Denken. Religiöse oder sonstige ideologische Vorurteile dürfen die Auseinandersetzung mit Fakten und Lehrmeinungen nicht blockieren.

Literatur:

Physiologus übersetzt und herausgegeben von Otto Schönberger, Reclam, Stuttgart, 2001

www …

Die Wiederkehr der Naturtheologie

www.ekd.de/ezw/dateien/EZWINF120.pdf

Der Physiologus

http://gfa.gbv.de/dr,gfa,005,2002,r,03.pdf

http://de.wikipedia.org/wiki/Physiologus