Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Tödliche Geschäfte

Im Museum für Brotkultur in Ulm, Salzstadelgasse 10, läuft vom 12. September bis 11. November 2012 eine ebenso interessante wie aktuelle Ausstellung zum „Spekulieren mit Lebensmitteln“

Vergessen ist der alte Spruch, den ich schon von meiner Großmutter hörte: „mit Essen spielt man nicht“. Auf dem Poster zur Ausstellung „Tödliche Geschäfte“ ist als Warnung ein Getreidespekulant gezeigt, der sich nach einer missglückten Investition im Jahr 1817 erhängte.

Wucher mit Lebensmitteln

Nach dem Platzen der Immobilienblase von 2008 suchten Börsenspekulanten ein weiteres Betätigungsfeld. Bald boten dann Banken Fonds an, die mit Getreidepreisen spekulieren.

Wie erwartet, stiegen danach die Preise und im Jahre 2008 gab es erste Brotunruhen, z. B. in Mexiko, wo die Preise für Mais sehr angezogen hatten – nicht zuletzt wegen der Produktion von Biosprit aus Mais.

Im Jahr 2011 waren – nach Abzug der Inflationsrate – Weizen, Mais und Reis im weltweiten Durchschnitt um 150 % teuerer als im Jahr 2000. Die Spekulanten, die an den Rohstoffbörsen gute Gewinne machten, gelten als Mitverursacher dieser Teuerungen.

Auch wenn uns in Europa diese Preissteigerungen noch nicht spürbar treffen, so sollte man wissen, dass in Entwicklungsländern die Ärmeren bis zu 80% ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben müssen!

Vorsorge oder Spekulation?

So weit unsere Geschichtskenntnisse zurückreichen gab es gute und schlechte Ernten und alle Bauernvölker waren gut beraten, wenn sie die Überschüsse der guten Jahre für Zeiten von Missernten einlagern konnten.

Dazu einige Beispiele:

Der Ernährer Ägyptens

Das älteste allgemein bekannte Beispiel liefert die Bibel. Im ersten Buch Mose wird berichtet, dass Joseph empfahl, die Getreideüberschüsse der sprichwörtlichen „sieben fetten Jahre“ einzulagern, um in den „sieben mageren Jahren“ nicht zu hungern. Damals ging es, der Bibel zufolge, nicht um Spekulation sondern um das Volkswohl!

Kornhandel im Mittelalter

Im Mittelalter gab es immer wieder regionale Hungersnöte, die aufgrund mangelhafter Transportmöglichkeiten nicht durch Überschüsse anderer Gebiete kompensiert werden konnten. Städte und Landesfürsten bestimmten die Getreidepolitik. Strenge Marktordnungen, Bekämpfung des Zwischenhandels und Vorratshaltung sollten eine ausreichende Versorgung gewährleisten, was nicht zu jeder Zeit gelang. Bei Verstößen gab es sogar Todesurteile.

Die französische Revolution

Die französische Revolution wurde wohl durch eine Hungerkrise ausgelöst. Wetterkapriolen brachten mehrere Jahre hintereinander Missernten. Vorsorge war nicht getroffen und die schlechten Verkehrswege verschlimmerten noch die Situation. Im „Zeitalter der Vernunft“ wurde die Regierung für ein Missmanagement verantwortlich gemacht, das die Nahrungskrise verschärfte. (Vgl. „Löste eine Kaltzeit die französische Revolution aus?“)

Die Weizenbörse von Chikago

Als Mitte des 19. Jahrhunderts Dampfschiffe die Weltmeere durchpflügten und Eisenbahnen die Entfernungen auf dem Festland schrumpfen ließen, wurde Getreide zu einem weltweit gehandelten Gut. Seit ihrer Gründung im Jahre 1848 ist die Getreidebörse von Chicago das Handelszentrum der Welt. Sie sollte für Preisstabilität sorgen; denn wenn es in einen Land schlechte Ernten gab, konnte der Mangel durch Überschüsse ausgeglichen werden, die in einem anderen Land erzielt wurden. Auch die Kontrakte für spätere Lieferungen sollten ursprünglich den Farmern helfen. Wenn diese schon vor der Ernte feste Preise garantiert bekamen konnten sie besser planen, vielleicht auf eigene Vorratshaltung zum Ausgleich von Preisschwankungen verzichten.

Doch bereits an der Wende von 19. zum 20. Jahrhundert gab es an der Chicagoer Börse dramatische Preisspekulationen, künstliche Verknappungen, enorme Spekulationsgewinne und Verluste.

Wirtschaft und Börsen ohne Ethik

Heute muss man befürchten, dass mit unerhörten Kapitalien ausgestattete Spekulanten die Märkte in einer Weise zu manipulieren versuchen, wie das vor einigen Jahrzehnten, ohne Internet und globalen Handel, noch nicht denkbar war.

Das geht uns alle an: denn wer in einen Pensionsfond oder in eine Lebensversicherung einzahlt, oder sein Geld bei der Bank anlegt, hat keine Garantie, dass damit nicht auf steigende Lebensmittelpreise spekuliert wird.

Höchste Zeit, dass die Regierungen eingreifen, die hoffentlich nicht – wie es scheint – längst so von den Finanzhaien manipuliert werden, dass einem Angst und Bang werden kann![i]

Literatur:

(1) www.museum-brotkultur.de/pdf/Toedliche_Geschäfte (mit Abbildungen)

(2) www.de.wikipedia.org/wiki/Mario_Monti

(3) www.de.wikipedia.org/wiki/Mario_Monti



[i] In einer Arte-Reportage („Goldman Sachs – Eine Bank lenkt die Welt“, gesendet am 4. September 2004 um 20.15 Uhr) wird darauf hingewiesen, dass führende Persönlichkeiten der Amerikanischen Regierung ehemalige Goldman Sachs Mitarbeiter sind. Nicht anders in Europa: Mario Draghi, (heute Präsident der EURO-Bank) war Vizepräsident bei Goldman (2) und Mario Monti (italienischer Ministerpräsident) war internationaler Berater bei Goldman Sachs (3).