Siegfried Hagl - Schriftsteller

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Das Rätsel der Donauzivilisation

Die Entdeckung der ältesten Hochkultur Europas

Von Harald Haarmann

(Veröffentlicht in GralsWelt 76/2013)

Im allgemeinen Geschichtsbewusstsein ist die Wiege der europäischen Zivilisation bei den Alten Griechen zu finden. Deren vielfach bewunderte Kultur wurde dann von den Römern übernommen. Als die Germanen das Römische Weltreich in Jahrhunderte langen Kämpfen zerstört hatten, verstanden sich diese Barbaren als die Nachfolger und Erben Roms und übernahmen sogar dessen Religion: das Christentum.

Doch seit einigen Jahrzehnten setzt sich die Einsicht durch, dass es lange vor den Alten Griechen, sogar lange vor den meisten anderen Hochkulturen der Antike, eine hoch entwickelte alteuropäische Kultur gab: Die Donauzivilisation, manchmal auch Vinca-Kultur genannt (nach dem Fundort Vinca Belo Brdo am rechte Steilufer der Donau bei Belgrad).

In seinem Werk stellt Harald Haarmann die neuen Erkenntnisse über dieses „Alte Europa“ ausführlich dar. Es bietet einige Überraschungen, um nicht zu sagen Sensationen. Denn auf dem heutigen Balkan bestand eine Hochzivilisation schon vor neun Jahrtausenden!

Vor etwa 12.000 Jahren wurden im „fruchtbaren Halbmond“, also etwa zwischen Zagrosgebirge und Mittelmeer, der Ackerbau und die Viehzucht entdeckt, erfunden, und entwickelt. Das waren die Voraussetzung dafür, dass Menschen sesshaft werden konnten.

Damals war das heutige Schwarze Meer noch ein Binnensee (wahrscheinlich sogar ein Süßwassersee), an dessen Ufern einige Tausend Menschen lebten. Denn am Bosporus gab es eine Landbrücke. Über diese Landbrücke konnten Menschen und Ideen von Kleinasien in den Balkan gelangen. Als dieser Isthmus vor etwa 8.000 Jahren brach, ergoss sich ein gewaltiger Wasserfall vom Mittelmeer in das Schwarze Meer. Der Wasserspiegel des Schwarzen Meeres stieg an; allerdings so langsam, dass kaum jemand dadurch ertrunken sein dürfte. Trotzdem sehen manche Forscher in diesem Durchbuch des Mittelmeeres einen möglichen Ursprung der Sintflutsage.

Von nun an mussten sich die Menschen im Westen des Schwarzen Meeres, also im Donauraum, eigenständig weiterentwickeln und Ackerbaumethoden, Getreidesorten und Viehhaltung den örtlichen Gegebenheiten anpassen. Das gelang ihnen so erfolgreich, dass sie eine besondere Zivilisation aufbauten, die weit höher entwickelt war, als man lange für möglich hielt.

Zwischen 7.000 und 3.000 v. Chr. blühte im erweiterten Donauraum – zwischen der Adria und den Karpaten, zwischen der heutigen Ukraine und dem nördlichen Griechenland – eine hochentwickelte alteuropäische Kultur.

Diese erste Hochzivilisation Europas ist älter als die Stadt UR (deren Anfänge reichen bis 4.000 v. Chr. zurück), als das Alte Ägypten (Beginn des Alten Reiches um 2.700 v. Chr.[i]) und als das Babylonische Reich (2. vorchristliches Jahrtausend). Dieses Alte Europa hatte ein bemerkenswertes zivilisatorisch-technisches Niveau, Hierzu einige Beispiele:

• Landwirtschaft: Einkorn, Emmer, Erbsen, Flachs; Kirschen, Linsen, Nacktweizen, Oliven, Spelzgerste, Wein usw.

• Viehzucht: Hunde, Rinder, Schafe, Ziegen.

• Jahrtausende vor den Griechen wurde Wein gekeltert und Olivenöl produziert.

• Das Töpferrad, ein Vorläufer der Töpferscheibe.

• Keramik: Die ersten Brennöfen, bei denen die Temperatur reguliert werden konnte. Hochwertige Gebrauchskeramik und Kunstgegenstände, besonders stehende Frauenfiguren.

• Kupferbergbau und Metallguss: 7.500 Jahre alte Kupferwerkzeuge, die bisher ältesten Werkzeuge aus Metall. Auch die ältesten Artefakte aus Gold wurden in Alteuropa gefunden.

• Die ersten dauerhaft bewohnten Orte Europas und die ältesten Großsiedlungen mit einer Stadtgröße mit bis zu 10.000 Einwohnern – bedeutend größer als Catalhöyük in Anatolien oder die ältesten Städte Mesopotamiens.[ii]

• Die Alteuropäer dieser Donaukultur hatten bereits Einfamilienhäuser von mehr als 100 Quadratmetern Grundfläche und bauten die ersten zweigeschoßigen Reihenhäuser.

• Eine besondere Überraschung, die die Fachwelt zunächst nicht akzeptieren wollte, war die alteuropäische Schrift. Lange waren sich die Historiker sicher, dass das älteste Schriftsystem der Welt vor etwa 5.000 Jahren von den Sumerern entwickelt wurde. In der GralsWelt 38/2006 haben wir unter der Überschrift „Das Rätsel von Glozel“ erwähnt, dass es möglicherweise ältere Schriften geben könne, die von der Fachwelt als Fälschungen abgetan werden. Nun ist die Donauschrift die älteste anerkannte Schrift!

• Die ersten zylindrischen Rollsiegel stammen aus Alteuropa.

• Gesellschaft und Religion: Vermutlich war die Donaukultur eine matristische[iii] Gesellschaft, in der Männer und Frauen gleiche Rechte hatten. Hierarchien waren von geringer Bedeutung. Verehrt wurden vorwiegend weibliche Gottheiten.

Warum ist diese anscheinend friedliche Ur-Zivilisation Alteuropas zerfallen? Mehrere Ursachen scheinen den Archäologen möglich, entweder als einzelne Ursache oder in Kombination: Klimawandel; Überschwemmungen, die Unruhen und die ersten Kriege in der Geschichte Alteuropas auslösten; soziale Veränderungen wie die Überwanderung durch benachbarte Nomaden; oder gar eine kriegerische Eroberung durch die „Kurgan-Völker“? Die bekannte Archäologin Marija Gimbutas (1921–1994), von der auch der Begriff „Altes Europa“ stammt, vertrat ja die umstrittene Ansicht, dass friedliche, weiblich-zentrierte (matriarchale = mutterrechtliche) Zivilisationen von gewaltbereiten, patriarchalen Völkern erobert und unterdrückt wurden (vgl. GralsWelt 46, „Der Kult der Großen Mutter“ und GralsWelt 63, „Die Vertreibung aus dem Paradies“). Zu diesem Thema ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.

Zusammenfassend bleibt die Feststellung, dass die Neolithische Revolution in Kleinasien begann und dann im Donauraum, den örtlichen Gegebenheiten entsprechend, weiterentwickelt wurde. In Alteuropa gab es einen beachtlichen Innovationsschub, auf dem spätere Mittelmeerzivilisationen aufbauen konnten.

C.H. Beck, München 2011

ISBN 978-3-406-622106

286 Seiten

 


[i] Hier werden die traditionellen Datierungen verwendet. Die Frage, ob die Pyramiden vielleicht Zehntausende von Jahren alt sind, bleibt offen.

[ii] Jericho (im heutigen Palästina), gerne als „Älteste Stadt der Welt“ bezeichnet, hatte ab 8050 v. Chr. eine Stadtmauer und etwa 3.000 Einwohner.

[iii] Matristisch: Ein geprägtes Wort, das differenzieren will zwischen Matriarchat (Herrschaft der Frauen) und Patricharchat (Herrschaft der Männer). Damit soll auf eine Kultur hingewiesen werden, in der Frauen und Männer gleichberechtigte Partner waren, und das weibliche Element hohe Achtung genoß.